Von Joachim H. Knoll

Geschichte und Geschichtsschreibung der „klassischen Jugendbewegung“ haben – wie es scheint – Hochkonjunktur, nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund gegenwärtiger subkultureller Jugendbewegungen, die man gelegentlich versucht, an die historische Jugendbewegung heranzurangieren. Heutige Jugendbewegungen und gestrige Jugendbewegung haben indes wenig gemein. Die klassische Jugendbewegung entstand am Jahrhundertbeginn im weiteren Umkreis der Reformpädagogik, und sie war eine jener Bestrebungen und Bewegungen, die gleichsam eine pädagogische Zeitenwende signalisierten. Freilich, ein Jugendprotest, ein politisch motivierter Aufbruch – vielfach so gedeutet – ist die Jugendbewegung zunächst nicht gewesen. Zumindest nicht in ihren Anfängen, da sich der Steglitzer Stenographen-Verein auf Wanderschaft begab. Und eigentlich erst anläßlich der Jahrhundertfeier der Völkerschlacht bei Leipzig präsentierte sich Jugend und Jugendlichkeit – gewiß zunächst noch zaghaft – gegen die bramarbasierende Eltern-Generation. Das Fest auf dem Hohen Meissner 1913 sollte Gegenläufigkeit zur wachsenden Kriegsbegeisterung ausdrücken; freilich haben viele Jugendbewegte dann mit „klingendem Spiel und begeisterndem Hurra“ ihr frühvollendetes Leben hingeworfen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dann – vielfach gespeist aus dem, was man das „Fronterlebnis“ verklärend genannt hat – ein neuer Aufbruch gewagt, der das Militärische oder Paramilitärische in bestehende oder zu gründende Jugendorganisationen verlängern wollte: Führer und Gefolgschaft, Elite und Disziplin – also Tugenden, die aus dem Reservoir preußischer Armeetradition geborgt schienen – wurden hier nun freilich in eine zeitlose Mystik umgebogen. Die „Bündische Jugend“ formierte und entfaltete sich in der Weimarer Republik und fermentierte einen Großteil der bürgerlichen Jugend.

Der gewiß neuralgische Punkt, der sich in der Geschichte der Jugendbewegung manifestiert und in ihrer Geschichtsschreibung tiefe Kontroversen stiftete, ist mit der Konfrontation von Jugendbewegung und Nationalsozialismus gegeben. Waren hier vorbereitende, die Heraldik, die Emblematik, das Liedgut liefernde Jugendorganisationen, die Bündischen eben, dem Nationalsozialismus nahe, waren sie in ihn hineingestolpert, ihm auch – noch im Widerstand – gelinde zugetan, oder waren hier Jugendliche in ihrem Eigenleben so immunisiert, daß sie den Widerstand aus Gesittung und politischer Einstellung wagten? Anpassung und Widerstand sind da gewiß beieinander, Opportunismus wie auch die kühne Bekennerschaft.

Was dann nach 1945 in der Nachfolge wieder aufkeimte, hat öffentliches Interesse kaum mehr erregt, zwischen Traditionalität, Veteranenseligkeit und mutiger Eigen-Sinnigkeit hin- und herschwankend und gewiß nicht mehr mit solcher Fruchtbarkeit, die man der Jugendbewegung der zwanziger Jahre nachsagen konnte. Ich habe bei der Frage nach dem Erfolg, dem Resultat der Jugendbewegung gleichsam unter dem Strich, das böse Wort von Ernst Bloch im Gehör, daß aus der Jugendbewegung „nicht mehr herausgekommen sei, als Wangenrot und Allgemein-Märzhaftes“. Dem aber ist entgegenzusetzen, daß die Volksliedbewegung (H. Breuers Zupfgeigenhansel), die Landerziehungsheim-Bewegung (H. Lietz), die Jugendkultur-These (G. Wyneken), neue Formen der Lehrerbildung (C. H. Becker) und die Siedlungsbewegung ohne das Ferment der Jugendbewegung gar nicht vorstellbbar sind. Und auch die heutige Folklore speist sich aus den „Festivals“ der sechziger und siebziger Jahre auf der Burg Waldeck im Hunsrück – übrigens eine der letzten Bastionen verflossener Jugendbewegung –, heute eher ein Ort der „Jugendpflege“, auch darin wird der historische Abstand deutlich. Der Mythos und die Mystifizierung von Jugend und Jugendbewegung werden in dem Sammelband

Mit uns zieht die neue Zeit; hrsg. von Thomas Koebner, Rolf-Peter Janz und Frank Trommler; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1985; 621 S., 28,– DM,

vorgeführt. Das ist keine der üblichen chronologischen Darstellungen, sondern eher der Versuch einer Phänomengeschichte, die Widerstand und Sympathie in sich aufgenommen hat. Auf jeden Fall sind da nicht die jugendbewegten Verklärer am Werk, die da meinten, Geschichte der Jugendbewegung könne nur schreiben, wer am Lagerfeuer gesessen, in der Kote geschlafen und das „Erlebnis“ geteilt habe. Doch aus der gemüthaften Idealisierung der Jugendbewegten – im Gedicht: „Die da vom Geist der Kinder und Dämonen verloren an den eignen Überschwang“ – läßt sich Geschichte gewiß nicht schreiben.