Geschafft, wir haben es geschafft, dachte Hamid, als er die irakische Grenzpatrouille sah. Shahriar, der Schmuggler, hatte den Jeep zuerst entdeckt. Er drückte seine drei Esel hinter einen Felsen. Normalerweise schmuggelt er Fernsehgeräte und Radios aus dem Irak nach Persien. Shahriar wollte von den Soldaten nicht gesehen werden. Hamid aber und sein Freund Reza wähnten sich in der Freiheit. Sie wickelten sich aus den breiten kurdischen Gürteln, zogen die weiten braunen Hemden und Hosen aus, stiegen in Jeans, streiften Polohemden über. Die Iraker mögen die Kurden nicht. Die Soldaten hätten schießen können, ohne lange nach der Herkunft der beiden jungen Männer zu fragen. In westlicher Kleidung aber, dachten sie, würden sie sofort als Flüchtlinge erkannt.

Hamid hatte schon eine kleine Odyssee hinter sich. Mitte August vergangenen Jahres bestieg er in seiner Heimatstadt Esfahan im Herzen Irans einen Überlandbus. Achtzehn Stunden dauerte die Fahrt nach Sanandaj, einem Ort nahe der irakischen Grenze. Politische Verbindungen hatte Hamid keine, er kannte niemanden von der kommunistischen Tudeh Partei, niemanden von der oppositionellen Volksmudschaheddin. Lediglich der Name und die Adresse eines Mannes, der vielleicht helfen könnte, waren ihm genannt worden. Und tatsächlich führte dieser ihn zum Schmuggler Shahriar, der ihn knapp beschied: Komm in zehn Tagen wieder.

Zurück in Esfahan in steter Angst, als Flüchtling erkannt zu werden. Hamid wußte nicht, welches Schicksal Flüchtlingen drohte, wohl aber, wie viel geringere Verstöße gegen das islamische Recht Persiens bestraft werden. Wer ein kurzärmeliges Hemd trägt, wird verhaftet und mit siebzig Schlägen „zur Besinnung“ gebracht. Eine Frau, die fremdgeht, wird gesteinigt. Zuerst vergraben die Revolutionswächter sie bis zum Hals, dann treten sie ganz nahe heran und bewerfen ihren Kopf mit kleinen spitzen Steinen; ein Mullah, Akhund nennen ihn die Perser, zerschmettert schließlich den Schädel der „Verbrecherin“ mit einem Felsbrocken. Gegenwärtig werden wieder Abertausende für den mörderischen Krieg gegen Irak eingezogen. Hamid fühlt sich als Patriot. Er würde dienen – aber nicht für diese Wahnsinnigen, die sein Land in den Abgrund stürzen. Also: die Flucht.

Hamid war gerade achtzehn Jahre alt, kurz vor dem Schulabschluß. Auf das Abiturzeugnis verzichtete er; es wäre erst nach dem Militärdienst ausgehändigt worden.

Er hatte Glück. Shahriar, den er in Sanandaj tatsächlich wiederfand, verlangte nicht einmal Geld für den Schleppdienst über die Grenze. Zu dritt, erst jetzt hatte Hamid den ebenfalls flüchtigen Reza kennengelernt, brachen sie auf nach Baneh, hoch in den kurdischen Bergen. In der Hütte eines Freundes von Shahriar verbrachten sie die Nacht, die letzte Nacht, wie sie damals glaubten, in Angst. Morgens um vier bestiegen sie die Esel des Schmugglers. Nach vierzehn Stunden stießen sie auf die irakische Patrouille.

Schreiend und winkend rannten Hamid und Reza den schmalen Pfad hinab. Die irakischen Soldaten sahen sie nicht, starteten ihren Jeep und fuhren davon. Als die Dunkelheit anbrach, schleppten sich die Jungen bergab. Kein Wasser, kein Essen, die Füße wund – Hamid wollte aufgeben, doch Reza zog ihn weiter. Irgendwie taumelten sie in eine Militärbaracke, wurden die Nacht über verhört: Weshalb sie kamen, woher sie kamen, hatten sie Artillerie auf iranischer Seite gesehen, Truppenkonzentrationen?

Auf einem Jeep wurden sie zwei Tage später nach Kirkuk gefahren, der nächsten größeren Stadt, wieder in ein Militärlager, wieder Verhöre. Eines Nachts riß man sie aus dem Schlaf, zerrte sie in ein Auto. Nach Bagdad sollte die Reise gehen. Sie endete nach wenigen Minuten: im Gefängnis von Kirkuk.