/ Von Peter Bender

Wenn in der kommenden Woche, zum 25. Jahrestag der Mauer, die Politiker auf beiden Seiten ihre Gedenkreden halten, werden wir wahrscheinlich mehr Klagen als Fragen hören, mehr Selbstgerechtigkeit als Selbstprüfung. Aber sind wir unschuldig an dem Monstrum? Waren die radikale Trennung der Deutschen, die Isolierung West-Berlins, der Tod von 74 Erschossenen wirklich unvermeidbar? Mußte die DDR sich dieses Monument der Peinlichkeit setzen, das ihr mehr als alles andere erschwerte und noch heute erschwert, Anerkennung zu finden?

Es gibt nur ein Argument, das ernst zu nehmen ist; Honecker macht es geltend, aber mancher im Westen auch: Ohne die Mauer wäre die Entspannung der siebziger Jahre nicht möglich gewesen, denn erst der 13. August 1961 habe die Machtverhältnisse geklärt und gefestigt. Das Argument prüfen heißt, nach Bedeutung und Wirkung dieses Datums fragen.

Was den Deutschen als der schwärzeste Tag ihrer Nachkriegsgeschichte erscheint, war für die Außenwelt ein gelungenes Krisenmanagement. Der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow hatte Präsident Kennedy im Juni 1961 massiv unter Druck gesetzt. Er müsse und werde die Berlinfrage lösen, wenn Kennedy deshalb Krieg wolle, "dann ist das Ihr Problem". Der Präsident nahm die Herausforderung an: "Wir wollen den Kampf nicht, aber wir haben schon gekämpft." Vor dem Fernsehen kündigte er militärische Mobilisierungsmaßnahmen an, aber gab Chruschtschow zugleich einen Wink. Er unterschied in seiner Rede deutlich zwischen "Berlin" und "West-Berlin" und begrenzte die amerikanische Verteidigungsbereitschaft allein auf "West-Berlin". Chruschtschow verstand, der Ostteil der Stadt war dem Osten überlassen, und ließ die Mauer ziehen. Als Kennedy am 13. August die Nachricht erhielt, reagierte er erleichtert: "Das bedeutet, Chruschtschow hat nachgegeben. Man baut keine Mauer, wenn man das Gebiet jenseits dessen in Besitz nehmen will." Und wie Chruschtschow Rücksicht auf Kennedy genommen und West-Berlin unberührt gelassen hatte, so nahm nun Kennedy Rücksicht auf Chruschtschow und fand sich, von matten Protesten abgesehen, mit dem Mauerbau ab.

Beide Großmächte hatten mit dem Krieg gedroht, sich aber sorgfältig gehütet, ein Kriegsrisiko einzugehen. Sie hatten sich geeinigt, wie man sich bei Kräftegleichgewicht eben einigt: Jeder respektierte den Besitzstand des anderen. Mit dem 13. August wurde die Ost-West-Aufteilung Deutschlands bis zum letzten Meter vollendet, nichts mehr war jetzt noch offen.

Jedem der auseinander-betonierten Teile Berlins wurde eine eigene Zukunft verordnet, zur Enttäuschung der Politiker beider Seiten. Der Staats- und Parteichef Ulbricht hatte nicht nur das Fluchtloch verstopfen wollen, ihm ging es darum, ganz Berlin zu bekommen. Er hatte gehofft, die Sowjetunion werde der DDR die Kontrolle auch des Luftverkehrs zwischen West-Berlin und dem Westen übertragen – das wäre das Ende der Fluchtbewegung und des freien Berlin gewesen. Chruschtschow entschied für die "kleine Lösung", die Mauer; Ulbricht mußte sich fügen, aber er fand sich mit dem Fremdkörper inmitten seines Staates nicht ab. Als zehn Jahre später Chruschtschows Nachfolger ihn zwingen wollten, der feindlichen Insel das Leben zu erleichtern und sich für unabsehbare Zukunft auf ihre Fortexistenz einzustellen, da widersetzte er sich. Erst nachdem er zum Rücktritt genötigt worden war, konnte im September 1971 das Vier-Mächte-Abkommen über Berlin unterzeichnet werden.