Von Heinrich von Tiedemann

Noch fehlt der Grabstein mit dem Namen, der den Schweden nicht aus dem Sinn gehen will. Nur ein mit Platten eingefaßtes Rechteck, auf dem junger Rasen grünt, bezeichnet die Stelle, wo sie ihn zur letzten Ruhe gebettet haben.

Es gibt nicht viele neue Gräber auf diesem Friedhof im Schatten der dem holstein-gottorpschen König Adolf Friedrich gewidmeten Barockkirche im Zentrum von Stockholm. Aber es gibt viele Menschen, die jetzt dorthin gehen und einzelne rote Rosen mitgebracht haben, das Symbol der schwedischen Arbeiterpartei. Ein anderer Großer der Sozialdemokratie, der die Partei schon vor 75 Jahren zum Schwergewicht auf der parlamentarischen Waage gemacht hatte, Hjalmar Branting, liegt unweit begraben. Er war freilich betagt und friedlich im Bett gestorben und nicht wie sein politischer Urenkel Olof Palme unter den Kugeln eines Meuchelmörders.

Der Tatort liegt gleich um die Ecke. Auch dort, mitten auf dem Bürgersteig, ein Häuflein roter Rosen. Die Polizei achtet diskret darauf, daß es nicht zu viele werden. Das gelingt ihr besser, als den Täter aufzuspüren, den noch immer keiner kennt, und der sich, so vermuten manche, vielleicht klammheimlich ins Fäustchen lacht, weil es ihm gelang, ein ganzes Volk zu verstören.

Alltäglicher Gesprächsstoff ist die Schandtat jedenfalls geblieben, wohin man kommt. Reichspolizeichef Hans Holmer kann jeden Morgen in der Zeitung lesen, was seine ratlosen Landsleute von seinen kriminalistischen Fähigkeiten halten, nämlich genau so wenig wie von der Kompetenz der hohen Militärs in Sachen U-Boot-Jagd. Hilflose Geheimniskrämerei wird ihm vorgeworfen; an guten Ratschlägen und wildwuchernden Spekulationen und Denunziationen mangelt es nicht. Altgediente Kärrner der Arbeiterbewegung, die Palme zu seinen Lebzeiten meist argwöhnisch beobachteten, sehen den Mörder als Handlanger einer jahrelangen bürgerlichen Diffamierungskampagne. Neuerdings fällt der suchende Blick auf religiöse, fanatisch antikommunistische Sektierer.

Eine anti-emanzipatorische Welle sei unverkennbar, vermelden Zeitungskolumnisten. Nach dem Vorbild von Reagans Amerika rege sich nun auch im Land der Aufgeklärten das Unbehagen an sogenannter sexueller Befreiung, politischer Libertinage und sozialem Atheismus. Ein pensionierter Stadtrat, im letzten Krieg aktiv im nazistisch gefärbten Nationalen Bund, später kurzzeitig Mitglied der Christlich Demokratischen Partei, die nie in den Reichstag kam, gründete einen „Ethischen Fond“, der die schwedische Regierung beim Europäischen Gerichtshof verklagte, weil Schwedens Schulen zu „Sexclubs-Akademien“ verkommen seien.

Ist also Olof Palme ein Opfer von militanten Saubermännern? Oder haben die Sowjets ihn mit Hilfe der kurdischen Befreiungsorganisation PKK, die direkt dem Zentralkomitee der KPdSU unterstehen soll, umgebracht? Davon ist jedenfalls ein Lehrer in Västeräs überzeugt, der auf diese Weise Stimmung gegen alles Linke zu machen hofft. Wirrköpfe und auf christliche Abwege gelangte Eiferer, Spinner und ideologische Spekulanten nutzen die zur Zeit herrschende Konjunktur, finden unter einer noch vom Schock gebeutelten Öffentlichkeit lebhaftes Gehör und Interesse.