Wie kam es, daß Sie anders als viele Intellektuelle Ihres Landes – Leszek Kolakowski oder Czeslaw Milosz – am Ende des Zweiten Weltkrieges keinerlei Sympathien für den Kommunismus hatten?

ZBIGNIEW HERBERT: Für mich gibt es keine Alternative zwischen Kommunismus und Faschismus. Wenn jemand als Demokrat geboren ist, wird er nicht zwischen zwei totalitären Regimen nach einer Alternative suchen.

Nur war damals der totalitäre Charakter des Kommunismus in Polen nicht unbedingt erkennbar ...

Das war sehr gut erkennbar. Ich stütze mich als Dichter – wenn ich denn einer bin – auf meine Erfahrung, und ich sehe, was in der Stadt, was auf dem Lande passiert. Ich bin eher Realist als Spiritualist, der mit Worten und Theorien spielt. Die Polen waren Realisten. Sie wollten von Anfang an kein kommunistisches Regime. Nehmen Sie das Referendum, nehmen Sie die ersten Wahlen – die wurden grob gefälscht –: Die Stimmen, die die Kommunisten bekommen haben, waren sehr gering. Für mich war ausschlaggebend, was ich überall gesehen habe.

Und die Intellektuellen ... Stalin hat gesagt, man brauche nicht das ganze Volk, sondern diese „Ingenieure der Seele“. Sie werden reden, schreiben und mit Worten – es gibt eine schon fast magische Kraft des Wortes – die Realität ändern, sie schöner machen. Der ganze sozialistische Realismus basiert auf dieser Ästhetik: aus etwas, das nicht schön, sondern blutig ist, etwas Schönes zu machen. Diese Intellektuellen waren mehr Futurologen als Realisten.

Aber das war erst seit 1948. Davor lag doch eine Phase, in der noch gewisse Hoffnungen unter Linksliberalen und Sozialisten bestanden, die „Übel“ des Vorkriegspolens – autoritäres Regime, Antisemitismus – zusammen mit den Kommunisten ändern zu können.

Ich glaube, die Denkweise von Sozialdemokraten und Sozialisten – für die ich sehr große Verehrung habe, obwohl ich mich nicht als Sozialist oder Radikaler bezeichne – war so: Wir bilden doch den größeren, wenn nicht den größten Teil unter den Intellektuellen; die Kommunisten sind doch importiert. Also wir werden eines Tages die Macht übernehmen und politische Gerechtigkeit realisieren. Die Polnische Sozialistische Partei hatte doch eine jahrzehntelange Tradition!