Als Pekings Studenten im vergangenen September auf die Straße gingen, um ihrem Unmut über die Reformpolitik Luft zu machen, hatten sie dabei auch das neue Stahlwerk Baoshan bei Shanghai im Visier. Das milliardenteure Prestigeobjekt für Chinas Schwerindustrie sei ein „unbrauchbarer Schrotthaufen“, bei dem man sich von den Japanern habe übertölpeln lassen, pinselten die Studenten auf Wandzeitungen.

1978 hatte ein japanisches Konsortium von Hitachi und Nippon Steel mit den Bauarbeiten an dem Mammutprojekt begonnen. Auf einem Areal von elf Quadratkilometern sollten Hochöfen, Kalt- und Wannwalzstraßen mit einer Jahresproduktion von 6,7 Millionen Tonnen Stahl entstehen, dazu Kraftwerke, Sinteranlagen, ein Chemiekombinat und ein eigener Hafen. All dies hatten die Chinesen „schlüsselfertig“ in Japan bestellt. Doch 1981 wurden die Bauarbeiten erst einmal gestoppt. Neben der damaligen Devisenkrise war ein eklatanter Planungsfehler offenbar geworden: Der Boden des Bauplatzes trug die schweren Hochöfen und Walzstraßen nicht.

Der günstigen Transportkosten wegen hatten die Japaner ein Gelände direkt an der Yangtze-Mündung empfohlen und damit buchstäblich auf Sand gebaut. Für die chinesische Seite gab es allerdings kein Zurück mehr; zuviel war bereits investiert, und die Vertragsstrafen hätten Milliardenhöhe erreicht. Anstatt dessen feuerte man den Minister für Metallurgie und verlangsamte das Bautempo. Den sandigen Boden spickten die Chinesen mit unzähligen importierten Stahlpfosten. Zusätzliche Kosten: rund 1,3 Milliarden Mark.

Doch auch der vermeintliche Standortvorteil erwies sich als Flop. Sandbänke im Fluß blockieren die eigens gebaute 1,6 Kilometer lange Entladepier für Kohle und Erzfrachter über 50 000 Tonnen. Die Fracht der Schiffe muß vor der Küste auf Kähne umgeladen werden. Das macht jede Tonne produzierten Stahl um fünf bis sieben US-Dollar teurer. Bisher mußte die Volksrepublik China große Mengen Importstahl mit Devisen bezahlen, weil die Eigenproduktion von knapp vier Millionen Tonnen jährlich den Bedarf bei weitem nicht deckt. Baoshan fügt dem nun mit seiner soeben fertiggestellten ersten Ausbauphase drei Millionen Tonnen pro Jahr hinzu. Der Dauerabfluß wertvoller Devisen ist damit aber nicht gestoppt. In einer Art fernöstlichen Schildbürgerstreichs haben die Planer das Kombinat so ausgelegt, daß die japanischen Hochöfen nur eine besondere Art von Eisenerz schlucken, und das wird ausschließlich in Australien gefunden. Chinesische Erze, im Lande reichlich vorhanden, finden keine Verwendung. Als am 15. September der riesige 4000-Kubikmeter-Hochofen von Baoshan zum erstenmal befeuert wurde, war dies der vorläufige Schlußpunkt unter diese bittere Lektion für Chinas Modernisierungspolitiker.

12,8 Milliarden Yuan (damals rund 15 Milliarden Mark) hat das Baoshan-Projekt bisher verschlungen. Für die zweite Ausbauphase, zu der auch die deutsche Schloemann-Siemag AG hochmoderne Walzstraßen liefert, müssen noch einmal acht Milliarden Yuan investiert werden. Die Financial Times hat nachgerechnet, daß die Chinesen am Ende für jede Tonne Stahl der Baoshan-Jahresproduktion rund 1000 Dollar an Investitionen getätigt haben. Die Südkoreaner sind bei ihrem ähnlich großen Stahlwerk in Pohang mit 400 Dollar ausgekommen. Trotz allem sind die Chinesen sehr stolz auf Baoshan. Xue Ming vom Besucherdienst hat auch eine gute Nachricht auf Lager. Um den Mangel an heiratsfähigen Frauen für die 20 000 zumeist männlichen Stahlkocher zu lindern, werden in Shanghai nun neue Textilfabriken neben dem Kombinat errichtet. Burkhard Kieker