Die Beurteilung der Hitler-Jugend als Sozialisations-Instanz ist noch immer nicht frei von Verallgemeinerungen und Fehleinschätzungen: Man beschwört die mißbrauchte Gläubigkeit, den verratenen Idealismus, hebt die Begeisterungsfähigkeit in dieser Gemeinschaft heraus, in der man sich angeblich nie als Mitglied einer Staatsorganisation, sondern einfach als Angehöriger einer Jugendbewegung sah. Baldur von Schirach, Hitlers ehemaliger „Reichsjugendführer“, hat noch 1946 vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg seine eigene historische Rolle und die der Hitler-Jugend in diesem Sinne interpretiert, indem er das ganz „Normale“ der erzieherischen Intentionen herausstellte, die Organisation schlichtweg mit den Zielen anderer Jugendbewegungen gleichsetzte und schließlich das Ausgeliefertsein an einen (falschen) Führer bedauerte. („Ich habe an diesen Mann geglaubt.“)

Die Surrogate aus blauäugigen Erinnerungsstücken und hohlem Pathos aber erweisen sich sehr schnell als brüchig, wenn der relativ kurzfristige Dressurweg zur Systemanpassung und zur gleichzeitigen politisch-gesellschaftlichen Entmündigung der Jugend mit historischen Fakten belegt wird. Matthias von Hellfeld und Arno Klönne haben dieses bisher verhältnismäßig nur wenig beleuchtete Phänomen mit einer Vielzahl von zum Teil unbekannten Quellen dokumentiert, in zehn Kapiteln geordnet und zusätzlich behutsam erläutert.

Die Dokumentation belegt in eindeutiger Kontinuität die Geschichte einer Gruppierung, die bereits in ihren Anfängen dazu ausersehen war, vom Staat vereinnahmt und bis zum bitteren Ende ausgenutzt zu werden. Den Schlußstein dieser totalen Vereinnahmung bildete der Befehl der Reichsjugendführung vom 27. Februar 1945, mit dem 16jährige Jungen, zum großen Teil als Freiwillige, in den „Endkampf“ geschickt wurden, wo sie teils in Uniform, teils als „Werwölfe“ kämpfend, noch in den letzten Kriegstagen verbluteten.

Trotz aller Gleichschaltung blieb im Hinblick auf die Erziehung eine Skepsis der Schule gegenüber. So stellte der Reichserziehungsminister bereits 1934 fest, Nationalsozialist werde „man nicht durch Schule, sondern in Lager und Kolonne“. Die Dokumente berichten zwar auch über gelegentliche Konflikte zwischen HJ-Dienst und schulischen Ansprüchen, aber daß sich letztlich die Schule den Anforderungen der Zeit bedingungslos unterordnete, belegen chronologische Wiedergaben von Lehrerkonferenz-Protokollen.

Was man damals unter „Zucht und Ordnung“ verstand, offenbart sich erschreckend in den Dokumenten über „Kontrolle und Repression Jugendlicher“, so in den Aufgaben und polizeiähnlichen Befugnissen des HJ-Streifendienstes oder in den zusätzlichen Verordnungen über den Jugendstrafvollzug von 1937, die bei besonders schweren Fällen eine „Verurteilung auf unbestimmte Dauer“ vorsahen; und Reichsleiter Bormann schreibt am 30. September 1941 dem Reichsminister Dr. Lammers, daß Fürsorgezöglinge, bei denen „das Ziel der Fürsorgeerziehung als nicht erreicht angesehen wird, ... ohne weiteres sofort auf Lebenszeit ins Konzentrationslager kommen“ sollen.

Ein interner SD-Bericht aus dem Jahre 1938 vermittelt einen wichtigen Einblick in die systematische Eingliederung der Jugend in den Staat und macht deutlich, wie intensiv und nachhaltig alle wichtigen Bereiche jugendlichen Lebens von der Hitler-Jugend beeinflußt und geprägt wurden: „Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die gesamte Jugenderziehung außerhalb der Schule maßgeblich von der Hitler-Jugend getragen wird.“ Wobei nach der Lektüre dieser Dokumentensammlung noch hinzugefügt werden muß, daß diese Erziehung nicht nur „außerhalb der Schule“ erfolgte, sondern auch gerade in ihr, ein Umstand, der auch heute noch immer wieder gern übergangen wird, wenn vom Verhältnis Schule und Nationalsozialismus die Rede ist. Günter Sommerich