Von Bernhard Wördehoff

Tag für Tag schiebt sich ein Besucherstrom durch die Kaisergruft unter dem Neuen Markt zu Wien. Hier ruht das Haus Habsburg von seinen Erdentagen aus; als erster ward Anno 1619 Matthias I. im zweiten Jahr des Großen Krieges von Deutschland in der Krypta beigesetzt; als letzter im Jahre 1916 Franz Joseph I.

Was führt die Menschen hierher? Die Vermutung eines Sanktuariums guter alter Zeiten? Der Wunsch, Geschichte abzulesen von den Grabnischen und Gruftmauern, den Herz- und Eingeweide-Urnen? Läßt sich die Größe Maria Theresias aus dem gewaltigen Doppelsarg erkennen, in dem sie zusammen mit ihrem wenig bedeutenden Gemahl ruht? In der Franzensgruft liegt, umgeben von den Särgen seiner insgesamt vier Ehefrauen der „gute Kaiser“, wie ihn seine Österreicher zu Haydns so hymnenträchtig gewordener Melodie besangen. Ein kleines Schild zu Füßen des „Austriae Imperator“ markiert durch einen Schrägstrich für die europäische Geschichte eine Zäsur: Franz II./I.

Der erste Franz war Maria Theresias Enkel seit 1804 auf dem (zuvor nicht existenten) österreichischen Kaiserthron; zum zweiten Franz aber war er, als letzter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, am 5. Juli 1792 in Frankfurt gewählt worden. Am 6. August 1806 legte er diese Krone nieder. Damit endete die fast tausendjährige Reichsgeschichte.

Wenige hundert Meter von der Kapuzinergruft entfernt liegt der Platz am Hof. Hier soll schon Walther von der Vogelweide den „wunniglichen Hof ze Vienne“ besungen haben. An diesem Platz liegt auch die Kirche „Zu den Neun Chören der Engel“. Die Gläubigkeit der Frommen pflegt hier den heiligen Judas Thaddäus um Beistand anzurufen – offenbar erfolgreich, wie die Menge von Votivtafeln kundtut. Inmitten ihrer Vielfalt läßt sich kein Hinweis auf die einschneidenden Daten deutscher Geschichte finden, die in diesem Gotteshaus gesetzt wurden.

Hier proklamierte Franz II. im Jahre 1804 das österreichische Erbkaisertum und machte sich damit zu Franz I. – Antwort auf die französische Kaiserkrone, die sich Napoleon Bonaparte selber aufgesetzt hatte. Und hier wurde vom Reichsherold am 6. August 1806 der Öffentlichkeit Franzens Verzicht auf die deutsche Kaiserkrone kundgetan, das alte Reich mithin formal für erloschen erklärt.

In beiden Fällen verstieß Franz gegen die Reichsverfassung. Die österreichischen Erblande waren nämlich Reichslehen, die nicht mit einer eigenen Kaiserkrone ausgestattet werden konnten. Und auf die deutsche Kaiserkrone konnte nicht einseitig ohne die Reichsstände Verzicht geleistet werden. Für Franzens Umgang mit Kronen gab es politische Gründe, die noch zu allen Zeiten das Recht verdrängten. Denn das Reich, ehrwürdig zwar noch immer, aber sehr altersmüde, war am Ende zerbrochen unter den Schlägen der modernen Zeit. Die Französische Revolution hatte die Signale gesetzt. Napoleon war ihr Exekutor. Doch das Reich endete ohne Antwort auf die Frage, die diese neue Zeit stellte und die seitdem nicht nur die Deutschen in wechselnder Form beschäftigt und gequält hat: die deutsche Frage.