Die Universitäten müssen zu Brennpunkten der Reflexion werden

Von Klaus Meyer-Abich

Die Entwicklung der Bombe war so gut wie unausweichlich, als Otto Hahn und Lise Meitner zu Weihnachten 1938 entdeckt hatten, daß Uran 235-Kerne spaltbar sind. Denn jeder Kundige (das waren damals allerdings nicht viele) wußte sofort, daß dabei ungeheure Energiemengen frei werden. Viel mehr als bei den chemischen Prozessen, so daß die Kernspaltung auch den Bau von Vernichtungswaffen einer noch nie gekannten Größenordnung erlauben würde.

Die Entdeckung der Uranspaltung war Grundlagenforschung in dem Sinn, in dem die meisten Wissenschaftler und auch viele Politiker bis heute gern versichern, die Möglichkeit oder erweiterte Möglichkeit der Grundlagenforschung müsse den Wissenschaftlern als ein Freiraum vor aller Berücksichtigung von industriegesellschaftlichen Interessen und Nützlichkeitserwägungen zugestanden werden.

Eine einfache Definition lautet: Grundlagenforschung ist das, was ich tue, wenn ich nicht weiß, was ich tue. Wir sind im Leben normalerweise darauf eingestellt, daß wir zwar nicht genug übersehen, was wir tun, daß wir uns aber doch darum zu bemühen haben. Es war eine herrliche Zeit, die Kindheit der Wissenschaft, in der ein Forscher sich von der Verantwortung für die gesellschaftliche Tragweite seines Erkenntnishandelns so entbunden fühlen konnte, daß es in einem einzigen Lebensbereich, dem der Forschung, sogar gut war, etwas zu tun, ohne wissen zu wollen, was man anrichtet. Aber darf man etwa auch heute noch, im Jahr 41 nach der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki, so forschen, als beginne die Verantwortung für die politische und gesellschaftliche Tragweite der Wissenschaft erst jenseits eines prinzipiell unschuldigen Bereichs der Grundlagenforschung?

Die Atombombe war ein direktes Resultat der Grundlagenforschung. Also gibt es keine von Verantwortung freie Grundlagenforschung. Wer zur Entdeckung der Kernspaltung beigetragen hat, ist mitverantwortlich für die Toten von Hiroshima und Nagasaki. Otto Hahn und die anderen Beteiligten haben das gewußt und haben unter der Last dieser Verantwortung gelitten. Bis heute aber gibt es Wissenschaftler und Politiker, welche die Grundlagenforschung als einen verantwortungsfreien Raum verteidigen. Ich kann dies nur so bewerten, daß der Begriff der Grundlagenforschung eine ideologische Abschirmung derer ist, die sich über die politisch-gesellschaftliche Tragweite ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch im Jahr 41 neuer wissenschaftsgeschichtlicher Zeitrechnung noch keine Gedanken machen wollen.

Rüstungs-Wissenschaft