Weißbücher sind Bücher mit amtlichen Beiträgen zur auswärtigen Politik – und sehen weiß aus; Taschenbücher sind Bücher völlig unamtlichen Charakters, sie erzählen von Gott und der Welt – und sie passen in die Tasche. Das "Weißbuch" aus München, das zugleich ein Taschenbuch ist, handelt weder von der hohen Diplomatie noch paßt es in die Tasche: Es ist ein Verführungsbuch zum Lesen, und die Tasche, in die man es stecken will, platzt aus allen Nähten.

Der Deutsche Taschenbuch Verlag, der sich dieses Weißbuch beim 25. Verlagsjubiläum zum Geschenk gemacht hat, bietet seinen Lesern für zehn Mark 862 Seiten Lektüre: Erzählungen und Gedichte, Essays und Polemiken, die Lutz-W. Wolff ausgewählt hat und die, locker gegliedert und unaufdringlich aneinandergereiht, sowohl einen Querschnitt durch die Publikationen des Verlags geben als auch einem zarten inhaltlichen Faden folgen. Der Faden ist unsichtbar, fast unauffindbar, doch der zum Lesen Verführte wird ihn für sich selbst bald entdecken.

Ich habe ihn auf der Seite 291 mit Horst Bienek aufgenommen, mit "Gleiwitz 1939" aus dem Roman "Die letzte Polka", einem Prosastück, das mir in straffer Erzählform, mit plastischen Bildern und in handfesten Dialogen, den verlorenen Vorkriegsfrieden heraufruft, und habe ihn wieder fallen lassen mit Heinz Friedrich, dem dtv-Verleger und seinem Stück "Das Jahr 47" aus "Lesebuch der Gruppe 47", einem Text, der, in verblüffender reziproker Entsprechung, vom Verlust des hoffnungsvoll errungenen Nachkriegsfriedens berichtet.

"Im Jahre 1947 war eigentlich der Kampf der Jungen um eine geistige und politische Neuordnung unserer zerrütteten Nachkriegswelt schon verloren", schreibt Heinz Friedrich und rekapituliert die Geschichte der Zeitschrift "Der Ruf", die mit dem erzwungenen Wechsel ihrer Herausgeber Hans Werner Richter und Alfred Andersch auch ihre Wirkung einbüßte. "Sie machten das allgemeine heuchlerische Phrasengedresch von Umerziehung und Besatzungsdemokratie nicht mit", heißt es bei Friedrich, "und verlangten mit. Nachdruck (wobei sie keine publizistischen Glacehandschuhe anzogen) nicht nur Gedanken-, sondern auch Bewegungsfreiheit. Sie brandmarkten die Politik der Sieger als vorgestrig, als kolonialistisch und als menschenunwürdig, kurz: als uneuropäisch. Zugleich aber erteilten sie, um allen Mißverständnissen vorzubeugen, den Revisionisten unter ihren Landsleuten ebenso deutliche Abfuhren." Auf diese Weise wird das Weißbuch des dtv am Ende doch zum diplomatischen Weißbuch, indem es vom Versagen und von Verfehlungen auswärtiger Politik spricht.

Zwischen Bienek und Friedrich kann man Auszüge aus Buchheims "Boot" und Fania Fenelons "Mädchenorchester in Auschwitz", Kopelews "Einmarsch in Ostpreußen", Günter Kunerts "Geschichte einer Berliner Straße", Marie Luise Kaschnitz’ Erzählung "Das fremde Land" und Günter Eichs legendäres Gedicht "Inventur" lesen, allesamt Texte, die davon sprechen, wie es möglich war, im Krieg zu überleben, im KZ oder im Gefangenenlager, jeder auf seine Weise. "Die Bleistiftmine lieb ich am meisten", heißt es bei Günter Eich: er schrieb Verse, die subtilste Art des Überlebens. Doch jeder Leser möge seinen Faden aufnehmen, den poetischen Fährten der Ariadnen und den literarischen Spuren der Pfadfinder folgen; jeder möge für sich selbst herausfinden, ob es dichterische Wege aus den Labyrinthen der Verhältnisse gibt.

"Weißbuch. Verführung zum Lesen", ausgewählt von Lutz W. Wolff; dtv 10559, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1986; 862 S., 10,– DM. Ludwig Hörig