Bild eines Gebannten

Seit 1964, als über den zu lebenslanger Haft verurteilten ANC-Führer Nelson Mandela der berüchtigte „Bann“ verhängt wurde, war es in Südafrika verboten, sein Bild zu veröffentlichen. Die jungen Schwarzen, die den Gefangenen von Pollsmoor verehren, wissen darum zumeist nicht, wie ihr Idol aussieht. Jetzt ist der Bann durchbrochen. In einer ansonsten nicht bemerkenswerten Propagandabroschüre des staatlichen Informationsbüros, „Gespräche mit dem ANC“ (Talking to the ANC) ist ein Photo Mandelas abgedruckt, mit Genehmigung des Direktors der südafrikanischen Gefängnisse. Die Broschüre könnte ungeachtet ihres Textes zum Geheimtip unter Südafrikas Bevölkerungsmehrheit werden.

Eine Zensur findet statt

Ein unrühmliches Gesetz hat das Parlament von Singapur verabschiedet. Ausländischen Presseorganen, die für den Geschmack der Regierung zu unfreundlich über den südostasiatischen Stadtstaat berichten, kann danach künftig ganz legal das Wasser abgegraben werden. Denn das „Gesetz über Zeitungen und Druckereien“ erlaubt die Kontrolle von Post und Gepäck und verbietet das Abonnement unerwünschter Publikationen. Beabsichtigter Nebeneffekt: Zeitungen, die in Singapur nicht gekauft werden können, finden dort auch keine Anzeigenkunden mehr.

Die aus Singapur stammende, für die Far Eastern Economic Review aus Peking berichtende Korrespondentin Mary Lee hatte schon vor zwei Jahren die Hofberichterstattung der heimischen Presse, die die „Intelligenz der Singapurer beleidigt“, attackiert und an Premierminister Lee Kuan Yew appelliert: „Lockern Sie Ihren Griff, und in 25 Jahren wird sich die Insel in eine wirkliche Gartenstadt verwandelt haben, in der hundert oder mehr Blumen blühen – einige wild, aber alle wunderschön.“

Der Appell war, wie sich zeigt, vergeblich. Statt hundert Blumen blühen zu lassen, geht der gestrenge Premier mit der Heckenschere durch den Presse-Garten und stutzt alle Pflanzen auf das gewünschte Gleichmaß zurück.

Spätes Urteil

Der Mann, der vor 23 Jahren in Dallas Präsident Kennedy erschoß, hat wegen seines schnellen Todes nach der Tat nie vor einem Gericht gestanden. Jetzt wird Lee Harvey Oswald posthum der Prozeß gemacht – im Fernsehen. Eine englische Fernsehgesellschaft hat soeben in einem Londoner Studio ein Fernsehgericht tagen lassen, mit Anwälten, Tatzeugen, Medizinern und Waffenexperten. Die Jury bildeten Bürger aus Dallas, die für die Fernsehschau nach London geflogen wurden. Welches Urteil sie fällten, soll bis zum Sendetermin des sechsstündigen Beitrages im Herbst ein Geheimnis bleiben. Nur der Regisseur kennt den Spruch der Geschworenen. Er ließ zur Vorsicht zwei Urteilsszenen drehen.