Schwerte

Die Gefangenenzeitung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Schwerte hat den vieldeutigen Titel Kuckucksei. Was die Häftlinge journalistisch ausbrüten, haben sie dem Herausgeber des Druckwerks Blatt für Blatt vorzulegen. Herausgeber ist der Anstaltsdirektor, dem das Recht zusteht, anstößige Beiträge zu "entnehmen" oder mit seinem Kommentar zu versehen. Einige Beispiele:

Ein zu lebenslanger Strafe Verurteilter schildert seine Eindrücke nach zwölf Jahren Haft. Er schreibt subjektiv, polemisch, einseitig, eben aus der Perspektive hinter Gittern. Dem interessierten Leser ist das klar. Doch Regierungsdirektor Schulz – er setzt Titel und Namen unter jede seiner Anmerkungen – belehrt noch einmal die Leserschaft: "Diesen Rundumschlag hat keiner meiner Mitarbeiter verdient. Verbalinjurien habe ich gestrichen." Kein Wort zu einzelnen Vorwürfen, sondern ein Rundum-Zurückschlag.

Ein türkischer Häftling hat zwei kleine Beiträge verfaßt, für die er hausintern zurechtgebogen wird, indem man ihn den Satz unterschreiben läßt: "Ich... bin in Zukunft um sachliche und berechtigte Kritik bemüht." Der türkische Kritiker moniert, als Ausländer doppelt bestraft zu werden (erst die Strafe, dann die Ausweisung). Auch die Osterfeier für Ausländer hat ihm nicht gefallen ("Einzelnen Teilnehmern sollte im voraus die Gelegenheit gegeben werden, etwas zur Feierlichkeit beizutragen"). Anmerkung des Regierungsdirektors: "Eine miese Haderei statt Dankesworte.

Anstaltsfremde sind vor der Schelte des Zensors ebenfalls nicht gefeit: Die Häftlingsredakteure drucken den Artikel eines Alternativblattes nach, den der Anstaltsleiter offenbar nicht ertragen kann. "Man wird nicht das Gefühl los", nörgelt er, "daß es diesem und dem Verfasser ähnlicher Traktate nur darauf ankommt, die tagtägliche Mühe der im Strafvollzug Tätigen zu diffamieren. .." Sachliche Kritik? Von den "im Strafvollzug Tätigen" ist im Artikel nicht die Rede.

Nicht einmal die Gedichte der Häftlinge sind vor dem Schwerter Zensor sicher. Über den monatlichen Besuch schrieb ein Gefangener: "1 stunde im monat / in der ich / lebe / lache und glücklich bin." Der Regierungsdirektor kontert die Knast-Poesie mit der Prosa des Strafvollzugsgesetzes: "Gemäß § 24 StVollzG beträgt die Besuchsdauer mindestens (und nicht nur) eine Stunde." Verwunderlich, daß er immerhin die Sportnachrichten unkommentiert läßt ("Alte Herren JVA Schwerte gegen Ev. Krankenhaus Schwerte 2:3").

Den Herausgeber (und Herausnehmer) der Gefangenenzeitung Kuckucksei ficht die Zensur – Pardon: "Entnahme" – offenbar nicht an. Kritiker werden auf den Instanzenweg verwiesen: "Entscheidungen, die ich wegen der Nichtzulassung von Beiträgen getroffen habe", können ja "zum Gegenstand einer Petition, einer Dienstaufsichtsbeschwerde oder eines Antrages auf gerichtliche Entscheidung gemacht werden".