Von Bernd Gerhardsen

Korfu ist die Insel der Dualität – der verstümmelte Name schon sagt’s: koryfes sind zwei Gipfel (gemeint sind jene beiden Felsenhäupter am alten Haupthafen des Inselhalbmonds, die den Schiffern seit odysseeischen Zeiten vertraut sind). Zwei Namen gibt’s; Korfu und Kerkyra; zwei bedeutende Zivilisationen auch: eine hellenische und eine in 400 Herrschaftsjahren aufgepfropfte venezianische. Da blüht Stadt- neben Dorfkultur, und unweit der Flugpiste verläuft ein Eselpfad. Und da gibt es Schäferdichtung und Agrotechnik: Wenn die Flugzeuge – mehrmals im Jahr – über Olivenwald, Gärten, Dächern und allem was lebt ihre diversen -zide versprühen, dann „liegen die Vögel tot unter den Bäumen“, sagen die Dörfler aus den Bergen. Dabei haben sie korfiotischen Zwiespalt auch in der Stimme, als gäbe es nur die Wahl zwischen Pans geruhsamer Flöte und Bayer Leverkusens aggressiven Pülverchen.

Korfu/Kerkyra besitzt auch zwei antithetische Küsten, die steilfelsige im Westen, die Homer – als sein Odysseus hier strandete – „umtobt von der Brandung brausenden Strudeln“ sah; und die sanfte östliche, mit vorgeschobenen Ebenen, hügeligem Vorland zu den Fünfhundertmeterbergen hin. Auch letztere finden ihr Gegenstück: im breiten Bergrücken des Pantokrator, der – 914 Meter hoch – wie eine Sphinx den großen Ostgolf bewacht.

Die höher gelegenen Dörfer – winzige, kalkige Inseln im Ölbaummeer, mit gewundenen Straßenschnüren dem urbanen Nabel der Inselwelt verbunden – bieten optische Ausflüge bis zu den Bergen Albaniens und von Epirus. Es sind vergessene Landflecken, schmorend im eigenen Oliven- und Rebensaft, ohne Strandnähe, also ohne bunte Prospekte und Prosperität.

Zwischen ufernaher Unterwelt und Oberwelt, zwischen Inselhauptstadt und Inseldörfern, betreiben zeitgenössische Charons ihr Gewerbe. Die modernen Fährleute sitzen am Steuer blauer Li nienbusse und verlangen einen Mini-Obolus für Maxi-Touren. Sie pendeln vom San-Rocco-Platz in Kerkyra-Stadt zu jenen winzigen Landkartenpunkten, die im Mittelalter Zufluchtsort wurden für alle, die die ewigen Plündereien gieriger Piraten am Inselsaum satt hatten. Die Namen der alten Refugien stehen auf den Frontschildern der Busse: Kinoplastes und Korakiana, Sinarades und Agios Mathias weisen ins menschenverlassene Binnenland: das Strandgold lockte die einst Strandflüchtigen zurück.

Einer widersetzt sich der Dorfflucht, jeden Markttag um Punkt halb zwei Uhr – der Händler Epaminondas. Dieses Mal steigt er nicht allein in den Bus mit dem Schild „Varypatádes“, sondern schleppt außer einigen unverkauften Kräuterbündeln auch zwei Deutsche mit hinauf in seine Berge. Er verheißt uns Kamille, Minze und Oregano in Fülle, auch „taufeuchten“ Lorbeer. Den Preis haben wir schon beim Busbahnhof erörtert, die neue Freundschaft mit Ouzo begießend. Prompt drehen sich darauf im Bus alle Köpfe um und nehmen „Nondas, den Trinker“, ins Visier: beobachtend, was er wohl mit den Zugereisten bespricht; taxierend, wieviel Tagesverdienst er wohl umsetzen kann in der Kneipe daheim. Vor den Busfenstern flimmert Debussys Apres-midi d’un faune, wir versinken zwischen steinalten Ölbäumen, Daphnis und Chloe lächeln aus diversen Weidewinkeln; unser Faun heißt Nondas und schnarcht und verschläft alle Golddisteln, Brombeeren, Dornefeuranken an der Straße.

Oben am Dorfeingang mit dem blauen Schild „Varypatádes“, wo der Bus umkehrt, begleitet er uns noch bis zum Friedhof an der Kirche des Heiligen Stephanos, um das Kriegerdenkmal vorzuführen – wo auch sein Familienname eingemeißelt steht unter denen, die „in den heiligen Kämpfen zwischen 1897 und 1949“ für die „patrida“ dahingingen. Dann dreht Epaminondas, der Stoppelbärtige mit dem Namen des großen Thebaners, ab, quer über den engen Dorfplatz („Heldenplatz“ genannt) und gesellt sich zu seinen Brüdern im Weingeiste, die auf der Bank neben dem zweifenstrigen Gasthaus warten.