Das ohnehin schwierige Verhältnis zwischen Mensch und Fliege wird durch neue Entwicklungen weiter getrübt

Die Fliege, das wissen wir als ihre lustvollen Verfolger, lebt gefährlich. Warum sie uns derartig leichtsinnig zu unerbittlichen Jägern macht, ist, vom gesunden Menschenverstand her betrachtet, unerklärlich. Sie sticht nicht. Sie beißt nicht. Sieht längst nicht so eklig aus wie Spinne oder Ratte. Kriecht in keine Körperöffnung wie der Ohrwurm. Nistet sich auch nicht schmarotzerhaft am Leibe ein wie Laus oder Wanze. Im Grunde genommen verhält sie sich wie der ideale Hausgenosse: unauffällig. Bis auf jene verhängnisvollen Momente, in denen uns die sprichwörtliche F. an der Wand zur unverständlichen Raserei bringt.

Die Feindschaft zwischen Mensch und Fliege beruht natürlich auf (niemals eingestandener und doch so offensichtlicher) Ähnlichkeit der Kontrahenten. Geahnt haben muß das auch der von den Erkenntnissen der Tiefenpsychologie wenig beleckte Mensch und „Tiervater“ Brehm, der die Fliege gleichfalls „wenig possierlich“ fand und ihr alle möglichen unerfreulichen Charaktereigenschaften unterstellte, die halfen, den Kampf bis aufs Fliegenbein gewissermaßen ideologisch zu untermauern. Originalton Brehm: „Es gibt kaum ein Tier, daß von ähnlicher Zudringlichkeit wäre wie unsere Stubenfliege (Musca domestica L.). Wer sollte sie nicht schon gesehen und gehört haben, jene große (acht bis dreizehn mm messende) Brummfliege, welche sich sofort einstellt, wenn sie aus weiter Ferne Fleisch wittert, um ihre Eier (Schmeiß) daranzulegen, und in unseren Wohnzimmern unter beständigem Räsonieren gegen die Fensterscheiben rennt, als wollte sie sich den Kopf einstoßen.“

Und auch etliche Forscherjahre später drängt sich die Seelenverwandtschaft zwischen Mensch und Fliege förmlich auf, wenn wir lesen, was die Wissenschaft bei tropischen Fliegen aus der Familie der Diopsidae (Artmerkmal: Stielaugen) beobachten konnte: „Die Tiere ... versammeln sich in der Abenddämmerung zu gemischten (sie) Schlafgesellschaften, in welchen große Männchen dominieren und Rivalen vertreiben. Zwischen gleich großen Männchen kann es zu erbitterten Kämpfen kommen, die aber ...“ und so weiter, man kennt das wohl.

Die Erfindung eines Saisonartikels hat die Chancengleichheit in der Auseinandersetzung zwischen Mensch und F. nachhaltig durcheinandergebracht: Jener ockerfarbene Leimstreifen, der sich, aus hellblauer Papphülse entrollt, in Millionen von Küchen, Kinderzimmer, Kuhställen herabsenkte und nach besten Lockduft- und Haftkräften dem Mensch die unerwünschte Seelenverwandte vom Leibe hielt. Geschätzt besonders um die Mittagszeit, wenn sich die ländliche Familie über die Teller mit Schweinenacken und Stampfkartoffeln beugt, die entleibten Brummer zu ihren Häuptern.

Eigentlich, so hatten wir gedacht, ist der Leimstreifen unschlagbar: lautlos, effizient, preiswert (vier Stück zu zweizwanzig), umweltfreundlich. Doch andere Waffen lassen den Fliegenfänger alt aussehen: Da ist beispielsweise der Insektenschutz aus der Steckdose („auch gegen resistente Fliegenstämme“) oder die Spraydose (die allerdings nicht die Fliege, sondern erst einmal den Menschen für eine Viertelstunde aus dem Zimmer jagt und überhaupt anfällig ist für Verwechslungen). Der Leimstreifen, benutzt, vertrocknet, vergessen, bleibt zurück: So leicht kriecht der Mensch dem vermeintlichen Fortschritt auf dem Leim.

Anna v. Münchhausen