Die kleine Gemeinde der Frühmenschenforscher hat sich mittlerweile daran gewöhnt: Mindestens einmal im Jahr schlägt das Ausgrabungsteam des Kenianers Richard Leaky zu und setzt einen neuen Puzzlestein in die Lücken des menschlichen Stammbaums. (Siehe auch Serie im ZEITmagazin Nr. 16 bis 18/1986.) Nachdem Leakys fossil gang, die legendäre Fossilienbande 1985 das vollständigste je gefundene Skelett eines 1,6 Millionen Jahre alten Homo erectus vorgelegt hatte, beschreibt jetzt der Amerikaner Alan Walker in der Fachzeitschrift Nature den neuesten aufsehenerregenden Fund. Am Westufer des Turkana Sees in Nordkenia entdeckte der Anatom von der Johns Hopkins Universität in Baltimore den massigen und mit gewaltigen Backenknochen ausgestatteten Schädel eines Australopithecus boisei, unweit davon einen Unterkiefer der gleichen Spezies. Der Geologe Frank Brown von der Universität in Utah datierte die Fossilien auf 2,5 Millionen Jahre.

Damit paßt der Schädel mit der nüchternen Katalogbezeichnung KNM WT-17 000 recht gut in eine Theorie, die Richard Leakys Vater Louis schon Ende der fünfziger Jahre aufgestellt hatte: Die Evolution des Menschen sollte sich demnach nicht geradlinig, sondern auf verschiedenen parallelen Ästen abgespielt haben.

Bisher nahmen die meisten Paläoanthropologen an, daß sich die Hominiden-Linie vor gut zwei Millionen Jahren, ausgehend vom Australopithecus africanus, in zwei Äste aufgespaltet hatte: Eine, aus der später der Homo habilis – der "geschickte Mensch" –, der Homo erectus und letztlich der moderne Mensch entstand. Und eine zweite, die der knorrigen Australopithecinen. Diese Vegetarier mit kräftigen Zähnen, kantigen Backenknochen und einem charakteristischen Wulst in der Mitte der Schädeldecke, brachten es im Gegensatz zu ihren Homo-Vettern nie zu einer großartigen Entwicklung. Das Gehirn der Australopithecinen wuchs nicht wesentlich über das eines Schimpansen an. Vor gut einer Million Jahren starben diese Affenmenschen aus – vermutlich weil sie sich nicht den plötzlich veränderten Lebensbedingungen anpassen konnten.

Mit Alan Walkers 2,5 Millionen Jahre altem Fund läßt sich die Linie der robusten Australopithecinen nunmehr soweit zurückverfolgen, daß sie schwerlich ein Nachfolger des grazil gebauten Australopithecus africanus sein können, der in einer Zeit vor etwa 2,2 bis 2,9 Millionen Jahren gelebt hat. Die Autoren des Artikels gehen sogar noch einen Schritt weiter: Da sich der neue boisei anatomisch ganz extrem von dem 3,8 bis 2,8 Millionen Jahre alten Australopithecus afarensis "Lucy" unterscheidet, sollen auch diese beiden Spezies bereits auf verschiedenen Ästen der Evolution gesessen haben. Lucy wäre demnach zwar noch immer das älteste mehr oder weniger vollständig erhaltene Hominidenskelett und damit die "Urmutter" aller heute lebenden Menschen, nicht aber die der inzwischen ausgestorbenen robusten Australopithecinen.

Der WT-17 000, spekulieren Walker und seine Kollegen, könnte dann so etwas wie ein Urtyp aller dieser Australopithecinen gewesen sein. Oder aber eine weitere, bisher unbekannte Spezies, der Walker den Namen Australopithecus aethiopicus geben würde. In diesem Fall hätten vor 2,5 Millionen Jahren in Ostafrika mindestens drei verschiedene Vormenschenarten gleichzeitig gelebt ohne sich miteinander zu vermischen.

Experten halten den WT-17 000 für den aufregendsten Knochenfund, seit der Amerikaner Don Johanson im Jahr 1974 das weltberühmte Skelett Lucy aus der Wüste im nordäthiopischen Hadar-Dreieck grub.

Don Johanson und sein Kollege Tim White haben bei der Regierung von Tansania eine Expeditionsgenehmigung für mehrere Jahre ergattert. In der Schlucht von Olduvai und der Ebene von Laetoli, dort wo Mary und Louis Leakey 1959 den ersten 1,8 Millionen Jahre alten Australopithecus boisei fanden, wollen die cleveren Amerikaner nach neuen, ältesten Spuren des Menschen suchen. Richard Leakey freilich braucht sich weder um Fossiliennachschub in seinem Land noch um Expertennachschub aus der eigenen Familie zu sorgen. Unlängst entdeckte seine erst 14jährige Tochter Louise am Chew Bahir, dem ehemaligen Lake Stephanie an der äthiopischen Grenze, Fragmente eines möglichen menschlichen Vorfahren. Die Affenfossilien, die bisher noch nicht wissenschaftlich beschrieben sind, sollen 16 bis 18 Millionen Jahre alt sein.

Reiner Klingholz