ARD, Sonntag, 10. August, 22 Uhr: „Entlang der Grenze“, eine Dokumentation von Heribert Schwan

Im Fränkischen, nahe der Grenze zur DDR, liegt der Ort Hölle. In dieser Gegend nahm der Bühnenbildner Erich Wonder Quartier, um mit seiner Kamera die Grenze zu beobachten. Eines dieser Bilder findet man im Katalog zu Wonders letzter Ausstellung „Raum – Szenen/Szenen – Raum“. Man sieht die Grenze bei Nacht. Der Zaun ist kein eiserner, sondern ein schwarzer Vorhang, hinter dem ein Wachtturm wie ein U-Boot auftaucht und Licht versprüht wie ein Wasserwerfer. Die Lichtstrahlen des Suchscheinwerfers treffen gerade auf das grelle Flutlicht, das den Todesstreifen ausleuchtet. Wo das Licht am hellsten ist, wirkt hinter der Grenze die Landschaft wie ausradiert. Häuser, Berge, Bäume werden überstrahlt. Ein Land verschwindet hinter einem Vorhang aus Licht.

Am vergangenen Sonntagabend, als uns der Jahrestag des Mauerbaus, die Gespräche mit Politikern und die abermalige Besichtigung des Archivmaterials noch bevorstanden, zeigte die ARD eine Dokumentation über die deutsch-deutsche Grenze. Heribert Schwan führte uns von der Lübecker Bucht bis zum Fichtelgebirge „entlang der Grenze“.

Immer wieder sah man vom Flugzeug aus den Grenzverlauf und wie der „antifaschistische Schutzwall“ die Landschaft zerschneidet. Man sah Grenzsoldaten, vom Teleobjektiv beobachtet, einen Trabant am Zaun patrouillieren oder Grenzbojen in der Elbe dümpeln. Kein Bild war darunter, das man nicht schon kannte, keines, das mehr über die Grenze erzählte als die schlichte Tatsache, daß es sie gibt.

Diese Dokumentation war ein weiteres Beispiel dafür, wie das Fernsehen mit Bildern geizt. Die Angst vor ästhetischen Überlegungen scheint so groß wie vor polemischen Debatten. Zur Eigendynamik von Institutionen, wie ARD und ZDF sie verkörpern, scheint es zu gehören, daß sich ihre Wertmaßstäbe allmählich neurotisch verschieben. Gelten nicht längst, auch in den Entscheidungsgremien, jene Projekte als die besten, die man nicht mehr produziert? Ist nicht auch dieser Beitrag über die DDR-Grenze ein Ergebnis jenes System-Zynismus, der zwar neue Bilder, aber keinesfalls Bild-Journalismus fürchtet?

Heribert Schwan interviewte einen jungen Mann, der aus der DDR geflüchtet ist. Beim Durchschwimmen der Elbe ist sein 19jähriger Bruder ertrunken. Der junge Mann kann sein Weinen nicht mehr unterdrücken. Der Interviewer läßt ihn jetzt erst recht nicht in Ruhe. Wie war das noch mal? War der Bruder zu schwach? Wir sollen sehen, wie der junge Flüchtling weint, damit wir die Schrecken der Grenze erkennen, für die diese Dokumentation sonst keine Bilder hatte.

Statt dessen wurden mindestens 77 Weise nach der Grenze befragt, vor allem Schriftsteller und Schauspieler, von Sarah Kirsch bis Jurek Becker, von Angelica Domröse bis Hilmar Thate. Jurek Becker warnte davor, die Grenze weiterhin zu emotionalisieren. Sie trenne nicht vor allem Onkel und Nichte, sondern Nato und Warschauer Pakt, Belgien von der Mongolei.