Der Verratene wählte die Flucht nach Moskau, wo er seinem Verräter begegnen kann. Der, den er selbst verraten hat, bleibt ihm erspart. Er wurde in Moskau erschossen.

Auf einer Reise nach Seattle spielten Edward Lee Howard und seine Frau Mary verschiedene Tricks aus ihrer CIA-Ausbildung durch, wie man Verfolger der Spionageabwehr abschüttelt. Das Spiel enthüllte ihnen, daß sie überwacht wurden. Von da an sann Howard auf Untertauchen.

Obwohl das Bundeskriminalamt FBI sein Haus in Santa Fé ständig überwachte, gelang ihm die Flucht – wahrscheinlich über Mexiko nach Finnland. Das war im September vorigen Jahres. Letzte Woche meldete die sowjetische Regierungszeitung Iswestija, daß Edward Howard in der Sowjetunion Asyl erhalten hat.

Sein Fall hat aus mehreren Gründen bei CIA und FBI schwere Schockwellen ausgelöst. Howard war in der 39jährigen Geschichte der CIA der erste Überläufer. Bereits im Frühsommer dieses Jahres hatte, der Los Angeles Times zufolge, ein Expertengremium in einem vertraulichen Memorandum an Präsident Reagan die durch Howard verursachten geheimdienstlichen Verluste analysiert und schwere Mängel in der Personalpolitik der CIA sowie in der Zusammenarbeit zwischen CIA und dem für Spionageabwehr zuständigen FBI festgestellt.

Howard war von 1981 bis 1983 beim amerikanischen Geheimdienst zum Agentenführer an der Botschaft in Moskau ausgebildet worden. Kurz vor seiner Entsendung entdeckte man Charaktermängel, so eine zeitweise Drogenabhängigkeit. Er wurde entlassen; niemand schien sich Sorgen zu machen. Seit 1984 arbeitete er für den sowjetischen KGB, wohl um sich für seine Entlassung zu rächen. Es soll auf das Konto von Howards Verrat gehen, daß 1985 nacheinander fünf Angehörige der US-Botschaft in Moskau bei Agententreffs auf frischer Tat ertappt wurden, mehr noch, daß der Luftfahrtingenieur Tolkatschew verhaftet und vermutlich hingerichtet wurde.

Tolkatschew war an der Entwicklung neuester Radar- und Radarabwehrtechnik sowie elektronischer Systeme für sowjetische Kampfflugzeuge beteiligt – einer der wertvollsten Spione für die Amerikaner seit dem legendären Oleg Penkowskij.

Dann wechselte der KGB-Offizier Witalij Jurtschenko im Sommer 1985 die Fronten. Vorübergehend. Was er bis zu seinem Rück-Absprung nach Moskau erzählte, genügte aber, um seine CIA-Betreuer auf die Spur Edward Howards zu setzen. Der Geheimdienst unterließ es indessen, das Bundeskriminalamt von der Schwere des Falles zu unterrichten und so gelang dem verratenen Verräter die Flucht.