Von Manfred Sack

Ein paar Stunden lang hatte es tatsächlich so geschienen, als habe man den Wink verstanden, als zwänge die verfahrene Situation dazu, noch einmal in Ruhe nachzudenken. Das war, als die beiden zuständigen Berliner Senatoren – der Stadtentwicklungssenator Jürgen Starnick und der Bausenator Georg Wittwer – sich mit den Preisträgern des just entschiedenen Wettbewerbs um den Platz der Republik am Reichstag zusammengesetzt hatten. Sie sprachen miteinander. Die Architekten hatten einen guten Eindruck.

Es gab ja auch genug Anlaß, das einigermaßen verunglückte Unternehmen zu überdenken. Nicht nur waren aus dem Ideenwettbewerb einige interessante, sondern auch sehr überraschende Vorschläge hervorgegangen, vor allem eine Alternative, in der nicht wenige eine ganz einzigartige Chance erkannten. Und nicht zuletzt gab es da auch die dringende Empfehlung der Jury, "sowohl eine Weiterbearbeitung der prämiierten Projekte – aufgrund erweiterter Prämissen – zu veranlassen, als auch weitere Projektanten hoher Qualität hinzuziehen". Welche Chance! Sie war das eigentliche Geschenk dieses flüchtigen, hektisch inszenierten Wettbewerbs: sein Ergebnis zu verstehen als eine Ermutigung zu neuen und nunmehr erfolgverheißenden Überlegungen.

Aber Berlin blieb Berlin. Der Diskussionen überdrüssig, tat der Senat genau das, was Spötter schon vorausgesehen hatten: Er suchte in den Plänen nach einem passablen Bauplatz für Helmut Kohls Geschenk an Berlin, das Deutsche Historische Museum, und sie fanden ihn natürlich rasch, am Platz der Republik. Zwar gibt es noch keinen offiziellen Senatsbeschluß, aber man ist sich einig: Nächstes Jahr, zur 750-Jahr-Feier Berlins, wird der Bundeskanzler den Grundstein für sein Museum legen. Es soll neben der dann wiederhergestellten Kongreßhalle gebaut werden.

Mit dieser schnellen Entscheidung ist nun genau das geschehen, was kritische Beobachter landauf, landab befürchtet hatten: daß sich die Stadt durch das Zufallsgeschenk eine städtebauliche Entscheidung hat abnötigen lassen – und das in ihrem historisch "empfindlichsten" Gebiet.

Es liegt im Nordosten des Tiergartens und wird zur Zeit von vier Bauwerken pointiert: vom Reichstag an der Ostseite, haarscharf an der Mauer; an der Westseite von der Kongreßhalle, die infolge eines Konstruktionsfehlers eingestürzt war und aus Respekt vor dem Stifter, den Vereinigten Staaten, wieder hergestellt wird; vom sowjetischen Ehrenmal, das in einer Enklave am Südrand, zur Straße des 17. Juni hin, ein geduldetes Dasein führt; schließlich vom Schweizer Konsulat am Nordrand, das wie der Reichstag erst den abreißsüchtigen Nazi-Planer Speer, dann den Krieg und auch die Nachkriegszeit überdauert hat. Inzwischen ist dieses Terrain, um das die Spree einen wunderschönen Bogen schlägt und eine im Berliner Stadtgebiet sonst seltene landschaftliche Beziehung knüpft, zu einem Park herangewachsen: ein etwas zufällig, aber anmutig gegliedertes, weitläufiges Idyll, dessen Besonderheit in seiner Verbindung aus Volksgarten und zeithistorischem Freilichtmuseum liegt: Man sieht den bewußt unvollständige ausdrücklich zeitgemäß wieder hergerichteten, seither kuppellosen Reichstag; man sieht durch die Bäume und Büsche vor allem die Mauer und ihre Bewacher, das Symbol der Unfreiheit und der Teilung, für deren Uberwindung doch gerade dieses Gebiet freigehalten worden war.

Tatsächlich gibt es zur Zeit nicht den geringsten Anlaß, diesen Wartezustand zu stören, also mit neuen Gebäuden unverrückbare Tatsachen zu schaffen. Wie so oft, war es nicht ein interessanter Einfall, sondern das Geldgeschenk des Kanzlers, das an diesem Übereinkommen mit der Zukunft rüttelte.