In Großbritannien ist die wirtschaftliche Bilanz der Thatcher-Zeit enttäuschend

Von Wilfried Kratz

Die Gläubigen der Stunde Null fragen sich immer skeptischer: Wo bleibt das Wirtschaftswunder? Als Margaret Thatcher vor sieben Jahren Premierministerin wurde, erwarteten die Konservativen im Taumel des Wahlsieges für Großbritannien den Beginn einer neuen Epoche mit dem Aufstieg in eine Prosperität, wie sie die Bundesregierung nach 1948 erlebte.

Damals hieß es: Was den Deutschen gelang, könnten auch die Briten vollbringen, wenn sie nur erst von den Fesseln des Sozialismus und des stets auf Konsens bedachten patriarchalischen Kapitalismus befreit sind.

Großbritannien ist nun im fünften Jahr wirtschaftlichen Expansion – der längsten Aufschwungphase nach dem Krieg. Doch von einem Wirtschaftswunder kann keine Rede sein. Der Einbruch von 1980 und 1981 war schärfer und tiefer als in anderen Industrieländern. Erst 1983 war das Sozialprodukt wieder auf das Niveau von 1979 gestiegen; die verarbeitende Industrie hat dieses Niveau bis heute noch nicht wieder erreicht. In diesem Jahr hat das Tempo der Expansion sogar sichtlich nachgelassen.

Die Regierung spricht von einer "Wachstumspause" und gibt zu, daß die im Frühjahr vorausgesagten drei Prozent Wachstum wahrscheinlich nicht erreicht werden. Die letzten Umfragen bei der Industrie sind relativ pessimistisch. Sie sprechen von Auftragsrückgängen und lassen stagnierende Produktion und Rückgang der Beschäftigung erwarten.

Die Misere Großbritanniens zeigt sich für das Ausland am augenfälligsten in dem Währungsverfall. Das Pfund Sterling steht unter beträchtlichem Druck. Es hat in einem Monat sieben Prozent seines Wertes verloren. Gegenüber der Mark ist es um neun Prozent auf seinen bisher tiefsten Stand von wenigen Pfennigen über drei Mark gefallen. Glaubt man dem Befund der City-Broker, dann ist das Pfund "sehr unsicher auf den Beinen". In fast allen Prognosen sind für die nahe Zukunft Notierungen mit einer Zwei vor dem Komma vorausgesagt. Ein Broker kalkuliert, das Pfund müsse "im Durchschnitt um weitere 8,5 Prozent sinken, um dem Wachstum aufzuhelfen".