Hamburg

Die Gesundheitsbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg habe einen Bericht erarbeitet, steht auf der Einladung: „Gesundheitliche Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl für die Hamburger Bevölkerung. Teil 1: Eine Abschätzung des Teilrisikos, beschränkt auf die Strahlenbelastung im Monat Mai 1986 in Hamburg.“ 40 Journalisten drängen sich im Großen Sitzungssaal der Hamburger Gesundheitsbehörde. Christine Maring, Doppelsenatorin für Gesundheit und Umwelt, wird fernsehgerecht positioniert und ausgeleuchtet. Ihr schwarzer Kaftan und die weiße Bluse verleihen ihr die Würde einer Richterin. Ihr zur Rechten und zur Linken sitzt ein gutes Dutzend Experten, in Hellgrau bis Beige.

Sie wolle nicht verharmlosen, doch Hamburg sei noch einmal glimpflich davongekommen, beginnt die Senatorin und reiht Zahlen aneinander: 508 ausgewertete Lebensmitteldaten und 115 Luftmeßwerte; mittlere Belastung für Kleinkinder 6,3 Millirem, Erwachsene 0,8 Millirem, zusätzliche Schilddrüsenkrebsfälle in den nächsten 15 bis 30 Jahren: 3,5, zusätzliche Leukämiefälle 0,2. Die Parallelberechnung des allgemeinen Krebsrisikos ergibt 0,4 zusätzliche bösartige Tumoren. „Schlagen Sie bitte nach, Ziff. 4.2 bis 4.4, Seite 34 des Berichtes.“

Klar sei, sagt die Senatorin, daß wir in Zukunft mit der Strahlenbelastung leben müßten. Deshalb werde die Behörde auf den Spuren des Risikos bleiben und messen und „beproben“. Die Senatorin ist bei den Konsequenzen angelangt. Eine Fernsehredakteurin gibt ihrem Kameramann ein Zeichen, und Christine Maring erklärt mit besonderem Nachdruck, daß sich solch ein Fall auf keinen Fall wiederholen dürfe.

Die Fernsehredakteurin hat mit sicherem Griff die Mittelseiten des Berichtes aufgeschlagen, wo Diagramme mit Pünktchen, Sternchen und mathematischen Kurven aufgezeichnet sind. Manche erheben sich gezackt wie das Himalajagebirge, andere sind sanft geschwungen wie deutsche Mittelgebirge. Da, sagt die Fernsehredakteurin, und bedeutet dem Kameramann, die Senatorin ins Bild zu rücken, die Cäsium-Kurve auf Seite 21, wieso beginnt sie erst Mitte Mai? Der Experte links von Frau Senatorin schildert ausführlich seine Kurvenprobleme. Frau Senatorin vergißt die Experten zur Rechten nicht. Herr Doktor, wenn Sie bitte ergänzen würden?

„Entschuldigung“, sagt die Fernsehredakteurin und lacht etwas verlegen – wenn Frau Senatorin Maring selbst Stellung beziehen könnte? Ja? Denn der Herr am Ende des Tisches, also ... er war nicht ausgeleuchtet, den kriegen wir nicht aufs Bild.

Keiner fragt, warum 3,5 Krebstote plus 0,2 Krebstote ein allgemeines Krebstotenrisiko von 0,4 ergeben. Keiner fragt, ob eigentlich jeder Salatkopf in den Geschäften und auf den Wochenmärkten kontrolliert wird. Oder nur jeder hundertste? Oder wird alle sechs Monate eine Stichprobe entnommen?