Von Theo Sommer

Nach zehn Tagen im Reich der deutschen Kommunisten fällt es schwer zu leugnen, was drüben Realität ist – und sei diese Realität uns auch noch so sehr zuwider. Die DDR existiert, mit und ohne Gänsefüßchen, und sie wird auch weiter existieren. Zwar kann das System wohl nie so gut funktionieren, daß die Bevölkerung wirklich glücklich wird, doch es wird wohl auch nie mehr so schlecht funktionieren, daß sich die Menschen in purer Verzweiflung dagegen auflehnen. Nicht, daß ich die DDR für die Zukunft Deutschlands halte, wie Ulbrichts Propagandisten es auf ihren Plakaten verkünden. Aber ich habe doch das Gefühl, die beiden permanenten Provisorien – Bundesrepublik hüben, Deutsche Demokratische Republik drüben – werden auf einige Zeit Deutschlands Gegenwart bleiben.“

Das war 1964, nach der ersten ZETT-Expedition in das andere Deutschland, mein politisches Resümee. Mein Resümee lautet 1986 kein Jota anders.

Die Realität drüben ist nicht mehr das, was sie damals war; die Wandlungen springen jedem ins Auge. Vieles hat sich gebessert. Der Führung ist nicht nur ihr zukunftsgewisser Größenwahn vergangen, sondern auch ihr gegenwartsverzagter Minderwertigkeitskomplex, die sie so lange unfähig gemacht hatten zu selbstsicherem und sachlichem Umgang mit den westlichen Nachbarn wie mit dem eigenen Volk. Nicht, daß die kommunistische Ideologie zum bloßen liturgischen Element geworden wäre; sie hat noch immer antreibende und ahndende Funktion. Aber das Herbeten des marxistischen Breviers will nicht viel besagen; und „der Mann auf der Straße“ kann sich der Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten, wie Robert Havemann zu höhnen pflegte, weithin entziehen. An der Spitze ist Pragmatismus Trumpf, und die Honecker-Mannschaft hat sich ihm mit fast chinesischer Kühnheit verschrieben. Das Wort des Eisenhüttenstädter Kombinatschefs Döring ist dafür bezeichnend: „Allein mit Enthusiasmus war die Zukunft nicht zu fahren.“ Der greise Ideologe Kurt Hager mag noch vom neuen Menschen träumen – die Macher der Partei jedoch haben längst erkannt, daß sie mit dem alten Adam, der alten Eva zurechtkommen müssen.

Die wissen es ihnen zu danken, zumal sie ja die Früchte ihres eigenen Wirtschaftswunders genießen dürfen, wie bescheiden es auch im Vergleich zu dem unseren wirken mag. Sie lassen die Partei in Ruhe, solange sie von der Partei in Ruhe gelassen werden. Sie sind nicht wunschlos glücklich, doch auch nicht hoffnungslos elend. Sie mäkeln und meckern, und ja nicht ohne reichlichen Anlaß, aber sie begehren nicht auf. Sie fühlen sich eingepfercht, da sie nicht frei reisen dürfen, nur relativ wenige jedoch möchten wirklich aus dem Pferch ausbrechen. Von 100 000 Antragstellern ist die Rede, bei einer Bevölkerung von 16,6 Millionen Menschen – und ein Mann wie der Rechtsanwalt Wolfgang Vogel hält die Zahl 100 000 „um mehr als die Hälfte zu hoch gegriffen“. Mag sein; ein Antrag bleibt ja nicht ohne Folgen.

Die allermeisten richten sich ein, indem sie sich in das Unabänderliche schicken, aber sehr massiv nach dem Abänderlichen verlangen. Und man täusche sich da nicht: Die DDR ist gewiß keine Demokratie im westlichen Sinne, indes haben die Bürger vielerlei Möglichkeiten, ihre Meinung kundzutun. Dazu zählt ein hochentwickeltes Eingabewesen. Dazu zählt die lebendige Mitsprache der Werktätigen in den Betrieben. Und dazu zählen, so unwahrscheinlich sich das anhört, sogar die Versammlungen vor den gelenkten Wahlen; wir haben jedenfalls örtliche Parteifunktionäre erlebt, die vor solchen Treffen Schwitzhändchen bekamen – und manch ein Kandidat wird ja in der Tat während der „Wahlbewegung“ von den Bürgern aus den ihnen vorgesetzten Listen herausgeschossen.

Das Totalitäre an der DDR ist nicht alldurchdringend. Vor „Nischen“ macht es sowieso halt, sofern die Obrigkeit nicht Verschwörung wittert. Aber auch im öffentlichen Raum ist es vielfach gebrochen. Wenngleich es nicht die Montesquieusche Gewaltenteilung gibt, die allein Schutz vor Willkür gewährt, so gibt es doch selbst in dem Einheitsstaat DDR konkurrierende Gewalten: rivalisierende Machtinstanzen, deren Existenz die Härten des Systems polstert. Auch ein gut Teil Schlamperei mildert die Diktatur.