Von Fritz J. Raddatz

Ein knappes halbes Jahr war er König von Preußen, Nachfolger des ungeliebten Vaters und Erbe von dessen 75 000 wohldisziplinierten Soldaten, da marschierte er (16. Dezember 1740) in Schlesien ein. Eben hatte er noch frohgemut an seinen Freund, den Pastor Karl Stephan Jordan, geschrieben "... ich schreibe jetzt dem König von Frankreich, komponiere ein Solo, mache Verse für Voltaire, ändere das Armee-Reglement und mache noch hundert andere Sachen von diesem Kaliber" – da rief eben dieser Ludwig XV. entgeistert: "Das ist ein Narr! Der Mensch ist verrückt." Der Botschafter dieses Königs am preußischen Hofe – schon seit 1739, also noch beim "Soldatenkönig" – war Louis Gui Henry Marquis de Valory, ein Lebemann von hoher Intelligenz. Schon seine erste Botschaft nach Paris paraphrasierte Voltaires Ausdruck vom "König der Grenzstriche": "Das ist schön, von dem König der Grenzstriche, daß er sich imstande glaubt, für sich allein zu operieren."

Konnte der aber nicht. Schon die entscheidende Schlacht bei Mollwitz (10. April 1741) hat entgegen der Legende nicht Friedrich gewonnen, sondern sein Graf Kurth Christoph von Schwerin: Der hatte, im Wirrwarr des Kampfes, im Gegensatz zum König, nicht den Überblick verlierend, den Oberbefehl auf sich übertragen lassen; Friedrich selber entging nur knapp der Gefangennahme und galoppierte erst nach der Erfolgsnachricht "siegreich" in Mollwitz ein – wo ganz in der Nähe der rundliche Marquis de Valory bereits residierte. Ähnlich anderen Botschaftern, war er mit ins Feld gereist, dem trotz seiner knapp 100 000 Soldaten von der Beinahe-Niederlage geschockten Friedrich wohl nicht unlieb. Am 5. Juni 1741 unterzeichneten die beiden Herren das Bündnis zwischen Preußen und Frankreich, dem Maria Theresias Kontinentalmacht zu gewaltig wurde.

Der Marquis und sein Sekretär Claude Etienne Darget (wie Friedrich 1712 geboren) sind die Hauptfiguren des berühmt-berüchtigten "Palladion"-Gedichts, das Friedrich im Januar 1749 – also etwa drei Jahre nach dem Frieden von Dresden, der den zweiten Schlesischen Krieg beendet – abschließt; eine "Karnevalslaune", wie er sagte, und rasch in einer Woche niedergeschrieben; sie liegt jetzt, neu übersetzt und vorzüglich kommentiert, in einer zweibändigen Luxusausgabe vor.

Claude Etienne Darget lebte seit 1739 in Berlin, ab 1744 als Sekretär des Marquis von Valory. Friedrich muß früh auf den von ihm "bon enfant" genannten, hübschen Gleichaltrigen aufmerksam geworden sein – nach verschiedenen Quellen soll er ihn sich schon nach der Schlacht von Hohenfriedberg (11. Juni 1745) als Vorleser von Valory ausgebeten haben. Da das im "Palladion" paraphrasierte Ereignis sich erst ein halbes Jahr später zutrug, kann das nicht stimmen. Aber später engagierte Friedrich ihn als Vorleser, Sekretär und literarischen Gehilfen, der in seinem Auftrag für Voltaire ein Einladungsgedicht nach Berlin verfaßte. Der Herausgeber der jetzt erschienenen Edition, Jürgen Ziechmann, kommentiert etwas verschnörkelt knapp, aber einleuchtend: "Darget lebte mit Friedrich in einem wahrscheinlich mindestens homo-erotischen Verhältnis."

Mit saftigen Zoten

So will das seltsame Poem, an dessen Geheimhaltung dem König verständlicherweise so sehr gelegen war, auch als ein Liebesgedicht gelesen werden. Die gelegentlichen saftigen Zoten und die ständigen homosexuellen Lustblinzeleien – ob Anspielungen auf beschnittene Penisse, auf einen Nackten "in einer Attitüde, die gewiß / sehr ärgerlich für keusche Augen war" oder auf Luthers "Gürtellinie" und etwas darunter – sind deutliche Verstellungen. Hier kann jemand unter dem Schutz einer amüsanten Geschichte seiner Phantasie freien Lauf lassen. "Die Geschichte" hat einen wahren Kern; Friedrich hat sie in der ersten Fassung seiner "Geschichte des zweiten Schlesischen Krieges" von 1746 aufgeschrieben (und später für die veränderte Fassung der "Histoire de mon temps" von 1775 redigiert):