Muggendorf/Franken

Der fränkische Luftkurort Müggendorf bietet das Postkartenbild einer heilen Welt. Bis zum 11. Juli 1986. An diesem Tag geschah es, daß auf den ältesten Luftkurort der Fränkischen Schweiz ein schwarzer Fleck gestempelt wurde. Denn in Müggendorf (650 Seelen) gibt es jetzt Schwarze. Elf Stück an der Zahl. Asylanten aus Ghana – Gottes zweite Garnitur.

Für Bürgermeister Paul Pöllmann ist die Sache nach einem Beinahe-Infarkt klar: Das ist ein Fleck und der muß weg. Für den Wirt des renommierten Gasthofes „Zum Stern“ auch: „An meiner Theke werden keine Schwarzen stehen.“ Daß er auch gesagt hat, „der Ruß, der schwarze, der muß raus“, das will er knapp eine Woche später nicht mehr wissen.

Die Regierung von Oberfranken delegiert, wie andere Regierungen auch, das Problem von oben nach unten. An die Landratsämter. Und das in Forchheim ist genauso überfordert wie das irgendwo anders. Denn es gibt für Asylanten keine freien Betten. Und wenn dann die Besitzerin des Parkhotels in Müggendorf, Renate Müller, ihr 50-Betten-Haus an die Regierung verpachtet, ist das wie ein Geschenk aus heiterem Himmel. „Irgendwo müssen die armen Menschen ja bleiben.“ Nachts, als alleMuggendorfer schliefen, kamen 29 aus Polen, der ČSSR, dem Iran und elf aus Ghana.

Drei Tage später berief Bürgermeister Pöllmann eine Informationsversammlung ein. Im Nobelhaus am Platz, dem Stern-Hotel. Der Speisesaal platzte aus allen Nähten und den Muggendorfern der Kragen. Allein das Wort Asylanten löse bei den Urlaubern einen solchen Schock aus, daß sie erst gar nicht nach Müggendorf kämen. Und die, die (noch) da sind, würden alle unverzüglich abreisen. Der Leiter des Fremdenverkehrsamtes bekam es gar mit der Angst zu tun. „Stellen Sie sich vor, da gehen zwei ältere Damen im Wald spazieren, und plötzlich sehen sie drei Schwarze. Die erschrecken doch zu Tode.“ Wenn das mit den Asylanten schon so sein müsse, dann gehörten wenigstens die Schwarzen aussortiert. Bürgermeister Pöllmann war mit sich und seinen Muggendorfern zufrieden. Auch dann noch, ab einer sagte, „Deutschland den Deutschen“ und daß sich die Regierungen vorab lieber um die Not der eigenen Leute kümmern sollten.

Eine Woche später distanziert sich Paul Pöllmann von der Versammlung. „Wir waren wohl alle etwas zu nervös.“ Die Überfälle der Asylanten auf wehrlose Muggendorfer Bürger sind ausgeblieben, und vorerst ist auch kein Einbruch in der Gästestatistik erfolgt. Der Bürgermeister ist, wie er sagt, „zu besseren Einsichten gekommen“. Zu der zum Beispiel: Asylanten sind auch Menschen. Aber – die Neger, die müßten weg. Die störten das Bild. Menschen aus osteuropäischen Ländern, möglichst Familien, um die wolle sich Müggendorf kümmern. Aber Neger? Schwarze? Und noch dazu alleinstehende Männer? Der Bürgermeister bittet Gott um Hilfe.

Die hochschwangere Frau des Stern-Wirtes weiß, daß zwei Frauen vergewaltigt worden sind, in letzter Zeit. Daß das nicht in Müggendorf war und noch vor der asylianischen Zeitrechnung, vor dem 11. Juli also – wen interessiert das noch? Im Krämerladen hält eine resolute Mittfünfzigerin Kraut und Rüben in ihrem Einkaufskorb fest. Man weiß ja nie in diesen Tagen ... Die müssen raus, sagt sie und meint die Schwarzen. Raus, jawoll. So was habe es ja wohl noch nie gegeben. Ihre Gäste werden nicht mehr kommen, fürchtet sie und gibt erst nach längerem Nachfragen zu, daß sie seit Jahren aus keine Betten mehr vermietet. Ein Feriengast aus dem Schwäbischen ereifert sich: „Herrgott, dann kommen halt andere für die, die sich an vom Bodensee stören.“ Und „Wir lustige Familie vom Bodensee fügt hinzu: „Wir fallen auch überall auf, wir sind auch nicht normal.“ Stimmt. Wer macht heute noch Urlaub mit dem Fahrrad?