Von Carl-Christian Kaiser

Sofia im August

In der sonnendurchglühten Dobrudscha sieht der Präsident des deutschen Bundestages ein gewaltiges Karussell. Fünfzig Kühe rotieren langsam auf einer großen Scheibe, die Platz spart, während ihnen automatisch Milch abgezapft und gleichzeitig Futter zugeführt wird. Am Ende der Führung durch den hochmodernen „Kuhzucht-Komplex“ nahe der Stadt Tolbuchin steht ein kleines Museum. Dort zeigen vergilbte Photos, wie es früher war: mühsames Melken von der Hand, primitive Ställe, tiefgekrümmte Rücken hinterm Ochsenpflug.

Da war er wieder, der ganz unverstellte Stolz auf den Fortschritt, der Philipp Jenninger und die vier Abgeordneten aus den vier Bundestagsfraktionen bei der Reise durch Bulgarien auf Schritt und Tritt begleitete. Selbstverständlich sollten die Erfolgsbilanzen, die Bezirksvorsitzende, Werksleiter, Parteifunktionäre herbeteten, vor allem auch sagen: Jede Mühe und jede Mark, die von der Bundesrepublik bei der Zusammenarbeit mit der Volksrepublik Bulgarien aufgewendet wird, ist gut investiert. Einen ähnlichen Zweck sollten auch Führungen durch ein Werk für Industrieroboter und ein anderes für Werkzeugmaschinen erfüllen.

Formell war die Reise, die nach Programm und Protokoll nur knapp unter der Schwelle eines Staatsbesuchs blieb, die Erwiderung einer ausgedehnten Visite, die der Vorsitzende der Bulgarischen Volkskammer, Stanko Todorov, im Herbst letzten Jahres in Bonn, Bremen, Hamburg und anderen norddeutschen Orten gemacht hat. Zwar bleibt die Ost-West-Politik selbstverständliche Domäne der Regierungen. Aber zum Unterfutter dieser Politik gehören seit einiger Zeit auch Parlamentariertreffen, die flankierenden Charakter haben und mehr Freimut erlauben, auch von östlicher Seite, als Regierungsverhandlungen.

Stanko Todorov zum Beispiel, schon seit 1961 im Areoparg des Politbüros, früher lange Zeit Ministerpräsident, sagt im persönlichen Gespräch ohne Umschweife: „Die kleinen Länder wollen überleben.“ Das alte Thema, wie die Entspannung auch dann bewahrt, vielleicht sogar vorangetrieben werden kann, wenn sich die beiden Weltmächte ineinander verkeilen, ist unverändert virulent. Zwar geht es Bulgarien an den großen Konferenztischen der Ost-West-Politik nur hin und wieder um eigene Wünsche, wie etwa um die atom- und chemiewaffenfreie Zone auf dem Balkan. Aber auch dieser Wunsch hängt eng mit den allgemeinen und unmittelbaren Interessen am weiteren Schicksal der Entspannungsbemühungen zusammen.

Bulgarien braucht die Entspannung, so Todorovs Botschaft im Gespräch mit der Bonner Delegation, wenn der bisher erfolgreiche Versuch weiter gedeihen soll, dem Land neben seinem agrarischen Fundament auch eine solide industrielle Basis, zumal durch Zukunftstechnologie, zu geben. Gerade weil es, anders als zum Beispiel der rumänische Nachbar, dabei Gewalttouren vermieden hat, geht es jetzt darum, den Anschluß an die Zukunft nicht zu verpassen. Der aber erscheint nur möglich durch enge Kooperation mit dem Westen, besonders auch mit der Bundesrepublik.