Von Felix Philipp Ingold

Die in Moskau spielende Geschichte, eine rasante, zwischen pathetischer Trivialität und phantastischer Komik schillernde Ich-Erzählung –

M. Agejew: „Roman mit Kokain“, deutsch von Daniel Dubbe; Rowohlt Verlag, Hamburg, 1986; 212 S., 26,– DM,

umfaßt den Zeitraum von 1915 bis 1919 und hat die postpubertäre Entwicklung des aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Gymnasiasten (und späteren Schriftstellers) Wadim Maslennikow zum Gegenstand, der in exzessiven Ausschweifungen die „Schule der Gefühle“ absolviert, wobei er, bald schon die Leere aller Lehren erkennend, sich vom kaltschnäuzigen Muttersöhnchen und Musterschüler zum fiebernden Hysteriker und Tagträumer wandelt.

Die äußerlich handlungsarme, mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund – Weltkrieg, Oktoberrevolution – nur lose verbundene Story führt den Helden (der zugleich als Erzähler fungiert) zunächst im Kreis seiner Familie und Schulfreunde vor. Maslennikow lebt bei seiner verwitweten, materiell wie auch geistig arg heruntergekommenen Mutter, deren abgöttische Liebe er bald skrupellos ausnutzt, bald zynisch zurückweist.

Maslennikow nimmt sich, was er braucht – ganz gleich, ob es sich dabei um Geld, um Frauen, um Rauschgift handelt: „So war meine Haltung gegen andere, so war meine Dualität: einerseits der Wunsch, die ganze Welt zu umarmen, die Menschen glücklich zu machen und sie zu lieben, andererseits die schamlose Verschwendung des mühsam erworbenen Geldes einer alten Frau und die grenzenlose Grausamkeit meiner Mutter gegenüber ... Aber unter all diesen zahlreichen Zersetzungen zeichnete sich die Trennung zwischen dem Geist und dem Fleische am deutlichsten ab, und sie war am schärfsten spürbar.“

Diese Dualität, diese Trennung wird für Maslennikow zum Problem, als er – der sich nach zahlreichen Abenteuern für ein „erotisches Wunderkind“ halten möchte – zum erstenmal einer Frau begegnet, die er „lieben“, aber gerade deshalb nicht „besitzen“ kann; bei der resoluten, vorurteilslosen Sonja Mintz wird ihm klar, daß Geschlechtlichkeit und Eros, körperliche Bedürfnisse und geistige Interessen unvereinbar sind, daß er seine sexuelle Potenz nur durch Haß – Haß auf die Menschlichkeit der Frau, Haß auf das Weibliche in sich selbst – zu nähren und aufrechtzuerhalten vermag. Bevor jedoch Maslennikow seine Absicht, die Geliebte zur Hure zu erniedrigen, sie zum Gegenstand des Hasses zu machen und auf diese Weise seine „männliche, tierische Verbissenheit“ wiederzugewinnen, in die Tat umsetzen kann, sagt Sonja sich von ihm los.