Maslennikows „Sturz“ – sein Versagen als Mann, das Versiegen seiner Gefühle – hat zur Folge, daß seine Persönlichkeit sich definitiv in einen „geistigen“ und einen „sinnlichen“ Teil aufspaltet; seine „Geistigkeit“ konzentriert sich nun ganz auf die Niederschrift und die kritische Interpretation der eigenen Erfahrungen, während seine „Sinnlichkeit“ in der Droge neue Nahrung – und Bestätigung – findet. Der Preis dafür ist hoch. Als ein ehemaliger Schulfreund, dem die Revolution zu einem hohen Posten im sowjetischen Gesundheitswesen verholfen hat, sich weigert, ihn in eine Entwöhnungsklinik einzuweisen, setzt Maslennikow, nunmehr der Narkomanie ebenso hoffnungslos verfallen wie der Graphomanie, seinem Leben, seinem Werk ein vorzeitiges Ende.

Der Text, von dem hier die Rede ist und der sich im linearen Resümee wie eine sentimentale Liebes- und Aussteigergeschichte ausnimmt, ist im Frühjahr und Sommer 1934 unter dem Titel „Roman mit Kokain“ simultan in zwei russischen Exilzeitschriften als Vorabdruck erschienen und lag – ohne Jahresangabe – im Herbst 1936 bei einer Pariser Emigrantenpresse auch in Buchform vor. Als Verfasser des Textes (und zugleich als dessen Rechtsinhaber) zeichnete ein Autor namens M. Agejew, von dem bis heute keinerlei biographische Daten – nicht einmal der Vor- und Familienname bekannt geworden sind.

Die zeitgenössische Kritik scheint den „Roman mit Kokain“ eher ungnädig aufgenommen zu haben. Agejew, von dem in der Folge nie wieder auch nur eine Zeile gedruckt worden ist, geriet für ein halbes Jahrhundert in völlige Vergessenheit, bis der „Roman mit Kokain“ 1983 in Paris gleichzeitig als Reprint der russischen Originalausgabe und in französischer Übersetzung erschien.

Entgegen jeglicher Erwartung wurde das schmale Buch nicht nur zu einem Verkaufserfolg, es wurde auch zum Anlaß weitreichender Auseinandersetzungen um die Herkunft des Textes. Da jegliche Form von Anonymität heutzutage als Provokation aufgefaßt wird, hat sich das Interesse sehr rasch und fast ausschließlich auf die Person des Autors verlagert, wodurch das literarische Gespräch mehr und mehr den Charakter eines biographischen Rätselratens annahm. Dies wiederum führte in den vergangenen zwei Jahren zu mancherlei Spekulationen, die ihrerseits Dementis (oder neue Spekulationen) nach sich zogen. Doch Agejews Autorenschaft blieb weiterhin ungeklärt; Klarheit besteht offenbar nur gerade darüber, daß es sich bei dem Label M. Agejew um ein Pseudonym handeln muß, nicht aber darüber, wer sich dieses Pseudonyms – warum – bedient hat.

Unter den bisher genannten Kandidaten, die als Verfasser des „Romans mit Kokain“ in Frage kommen, befindet sich – so argumentiert der russisch-französische Kritiker Nikita Struve – auch der Schriftsteller Vladimir Nabokov, und es überrascht deshalb nicht, daß die Diskussion um Agejew inzwischen zu einer Diskussion um Nabokov geworden ist. Gegenwärtig stehen sich in einer Art Pattsituation zwei Fronten gegenüber: die von Struve angeführten, primär textkritisch argumentierenden Befürworter von Nabokovs Autorschaft und die primär von Nabokovs Biographie her argumentierenden Vertreter der Gegenthese.

Festzuhalten ist, daß Nabokov seit seinen literarischen Anfängen – schon 1918 ließ er einen gemeinsam mit einem Schulfreund verfaßten Gedichtband erscheinen – an auktorialen Co-Produktionen und Mystifikationen interessiert war (was ihn im übrigen auch zur Verwendung diverser Pseudonyme veranlaßte) und daß der Autor demnach als ein Konstrukt aufzufassen wäre, das den „Diktator“ (den, der vor-schreibt) und den „Sekretär“ (den, der ab-schreibt) zu einem hybriden „Doppelungeheuer“ zusammenzwingt.

„Auch auf die Gefahr hin, mit Platon, der mir egal ist, verwechselt zu werden, glaube ich in meinem Fall die Wahrheit zu sagen, wenn ich behaupte, daß das ganze Buch als Idee in der einen oder anderen, mal durchsichtigen, mal trüben Dimension scheinbar fertig ist, bevor es geschrieben wird, und meine Aufgabe ist es, davon so viel festzuhalten, wie ich ausmachen kann und das so exakt zu tun, wie ich als Mensch dazu imstande bin.“ Was Nabokov hier in einem späten Interview mit Alfred Apple ausführt, klingt wie ein fernes Echo auf sein 1936 – im selben Jahr wie der „Roman mit Kokain“! – erschienenes Buch „Verzweiflung“, dessen Held (und Ich-Erzähler) den literarischen Diebstahl als hohe künstlerische Leistung zu rühmen weiß.