Von Hans Jakob Ginsburg

Kenneth Kaunda, der Präsident von Sambia, verlor die Geduld mit Margaret Thatcher. Dreieinhalb Tage hatten sieben Regierungschefs aus dem Commonwealth in London über eine gemeinsame Südafrikapolitik für die Erbengemeinschaft des Empire gestritten. Sechs Tagungsteilnehmer waren sich über ein umfassendes Paket von Maßnahmen gegen das rassistische Regime am Kap einig, nur die britische Premierministerin leistete hinhaltenden Widerstand. Als die sechs Apartheid-Gegner schließlich ihre Vorschläge der Presse mitteilten, wurde Kaunda persönlich: "Margaret Thatcher als Premierministerin ist den britischen Wirtschaftsinteressen in Südafrika verpflichtet, auf Kosten der Menschen. Sie betet Platin und Gold an, sie küßt die Apartheid." Kenneth Kaunda, der geweihte Priester der Church of Scotland, kennt keine härteren Vorwürfe.

Im Gegensatz zu den meisten heutigen Politikern des schwarzen Afrika hat der 62jährige Kaunda noch am eigenen Leib gespürt, was Rassentrennung heißt. Als junger Prediger und Lehrer arbeitete er in einer Gemeinde schwarzer Bergleute, die damals ihr schwer verdientes Geld nicht in den Läden der Weißen ausgeben durften – jedenfalls nicht, wenn sie die Geschäfte durch die normalen Eingänge betreten wollten. "Wenn wir da irgendetwas wollten, mußten wir durch ein Loch in der Mauer des Ladenlokals kriechen", erinnerte sich Kaunda noch nach Jahrzehnten. Seine erste große politische Konfrontation erlebte der junge Missionarssohn, als er in einem nur für Weiße bestimmten Café ein Sandwich bestellte und Weiße ihn deswegen zusammenschlugen.

Die britische Kolonie Nordrhodesien, in der Schwarze Menschen zweiter Klasse waren, hat vor 22 Jahren der schwarzen Republik Sambia Platz gemacht, die seit der Unabhängigkeit von dem einstigen Bürgerrechtskämpfer Kenneth David Kaunda regiert wird. Der ist inzwischen ergraut, gehört zu den an Lebens- wie Dienstjahren ältesten Staatschefs Afrikas. Geprägt haben ihn aber nicht die langen Jahre im Präsidentenpalast von Lusaka, dessen Park er zum Golfplatz hat ausbauen lassen, sondern der Kampf um die Würde der schwarzen Menschen in einer kolonialen Gesellschaft. Darum kennt Kaunda keinen schlimmeren Feind als die Apartheid, darum aber auch äußert er sich begeistert über jeden Weißen, der die Sache der schwarzen Freiheitskämpfer zu seiner eigenen macht. Der kanadische und der australische Premierminister, so versicherte er in London, hätten ihn von dem Gedanken abgebracht, im Zorn über Margaret Thatcher das Commonwealth zu verlassen; Königin, Kirchenführer und Gewerkschaftsfunktionäre hätten ihn überdies spüren lassen, daß er gute Freunde auch im heutigen England habe.

Niemand sprach Kenneth Kaunda in London öffentlich auf die Folgen einer Sanktionspolitik gegen Südafrika für sein eigenes Land an. Der Moralist aus Sambia hätte gewiß geantwortet, im Kampf gegen das Unrecht der Apartheid dürfe kein Opfer gescheut werden – mit ähnlichen Begründungen erklärte er in den siebziger Jahren sein kostspieliges Engagement für den Kampf der zimbabwischen Guerilla gegen das weiße Regime im damaligen Rhodesien. Schwarze afrikanische Diplomaten, die nüchterner argumentieren, kommen heute zu dem Ergebnis, daß harte Sanktionen gegen Pretoria seinen schwarzen Nachbarn auch nicht mehr Schaden zufügen würden als der fortdauernde Status quo der weißen Herrschaft am Kap. Dazu hat ein Forschungsinstitut in der zimbabwischen Hauptstadt Harare folgende Rechnung aufgemacht: Pretoria habe seinen Nachbarn in den letzten Jahren einen Schaden von zehn Milliarden Dollar zugefügt, indem es Guerillakämpfer in den Nachbarstaaten finanzierte, Eisenbahnlinien und Straßen zerstören ließ, angebliche Stützpunkte des südafrikanischen ANC bombardierte und mit Schmiergeldern über Sabotagetrupps Unordnung in die Volkswirtschaften der Frontline-Staaten brachte. Darum, so folgern die Wissenschaftler, habe das schwarze Afrika auch ein wirtschaftliches Interesse am Kampf gegen das weiße(?) Afrika. Allerdings ist noch keineswegs sicher, daß Staaten wie Zimbabwe und Sambia selbst all die Sanktionen mitmachen werden, zu denen sie den industrialisierten Westen aufgerufen haben.

Alle diese Überlegungen sind freilich ohne die Herren in Pretoria gemacht. Südafrika reagierte denn auch prompt auf die Londoner Commonwealth-Beschlüsse: Am Grenzposten Beit Bridge halten die südafrikanischen Zöllner seit der vorigen Woche alle Lastwagen mit Gütern für die apartheid-feindlichen Nachbarn Zimbabwe und Sambia an, lassen entladen und kontrollieren alle Waren und Papiere – nicht etwa als Revanche für das Verhalten Kaundas und des Zimbabwers Robert Mugabe in London, sondern zur "Erstellung einer zuverlässigen Handelsstatistik", wie die Regierung in Pretoria scheinheilig verlauten ließ. Dies war nur der erste Schritt: Sambias Importeure müssen seit der letzten Woche für alle Waren, die sie über die südafrikanischen Häfen und Landstraßen einführen wollen, eine hohe Zollkaution hinterlegen – so hoch, daß die Wirkung für die hochverschuldeten, devisenarmen Binnenstaaten einer Blockade gleichkommt. Kenneth Kaundas Staat, dem der eigene Zugang zum Meer fehlt, wickelte im vergangenen Jahr ungefähr 40 Prozent seiner Exporte und über 60 Prozent seiner Importe über Südafrika ab.

Denn Sambia, fünftgrößter Kupferproduzent der Welt, ist mit dem Verfall des Kupferpreises in den siebziger Jahren zum bettelarmen Land geworden. Weil Kenneth Kaunda und seine Berater in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit ganz auf das Metall setzten, ist Sambias vernachlässigte Landwirtschaft unterentwickelt, haben sich Slums am Rande der sambischen Städte entwickelt – nur noch drei von fünf Sambiern leben auf dem Dorf, das ist der niedrigste Anteil im gesamten schwarzen Afrika –, hat die Regierung in Lusaka sich schließlich harten Sparauflagen des Weltwährungsfonds unterwerfen müssen. Pretorias schikanöse Forderungen kann Lusaka einfach nicht bezahlen.