Was wußten die Alliierten und die Bonner Politiker von den Plänen Ulbrichts?

Von Joachim Nawrocki

Hat der Westen gewußt, daß die DDR eine Mauer bauen würde? Hätte man es zumindest wissen können, wenn alle Hinweise richtig gedeutet worden wären? Die Frage wird seit 25 Jahren immer wieder gestellt, und nicht selten wird der Verdacht geäußert, die Westalliierten hätten, wohl wissend, was da kommen würde, tatenlos, ja geradezu erleichtert zugesehen, weil die Sowjets die Finger von West-Berlin ließen und damit die latente Kriegsgefahr behoben war. Dieser Verdacht knüpft sich unter anderem an Walter Ulbrichts berühmten Satz: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", gesprochen in einer Pressekonferenz acht Wochen vor dem Mauerbau. Ulbricht war es, der zuerst öffentlich das Wort "Mauer" benutzte. Hat er ein Signal geben wollen, das niemand verstanden hat? Oder hat er sich ungewollt verplappert? Wollte Ulbricht den Entscheidungsprozeß in Moskau durch eine scheinbar unbedachte Äußerung vorantreiben?

Sicher ist heute, daß Ulbricht seit vielen Monaten in Moskau auf eine Unterbindung des Flüchtlingsstroms aus der DDR drängte. Aber am Tag der erwähnten Pressekonferenz am 15. Juni hatte er noch keine Genehmigung für den Mauerbau. Im Gegenteil: Als Ulbricht bei einer Tagung des Warschauer Pakts im März 1961 verschärfte Grenzkontrollen um Berlin und eine Stacheldrahtbarriere mitten durch Berlin vorschlug, waren die übrigen Parteiführer entsetzt, vor allem der Ungar Janos Kádár und der Rumäne Gheorge Gheoriu-Dej. Doch auch Chruschtschow lehnte Ulbrichts Pläne ab, wie der später geflüchtete stellvertretende Verteidigungsminister der ČSSR, Sejna, berichtete. Er hatte sein Projekt einer "Freien Stadt West-Berlin" mit einer Kontrolle der Westberliner Verkehrsverbindungen und Abzug der Westalliierten noch nicht aufgegeben und wollte erst die Härte des neuen amerikanischen Präsidenten Kennedy testen. Das tat er dann beim Gipfeltreffen vom 3. und 4. Juni in Wien, bis hin zur Kriegsdrohung.

Für die Freiheit West-Berlins

Nach Abschluß eines Friedensvertrages wäre jede westliche Präsenz inmitten der DDR eine Verletzung ihrer Grenzen, sagte Chruschtschow nach einer Schilderung des Kennedy-Beraters Theodore Sorensen. Diese Grenzen würden verteidigt, Gewalt würde mit? Gewalt beantwortet werden. Wenn die Vereinigten Staaten Krieg wollten, wäre das ihr Problem; die UdSSR hätte keine Wahl als diese Herausforderung anzunehmen. Der Präsident entgegnete kühl: "Wenn das wahr ist, werden wir einen kalten Winter haben." Doch Kennedy war nicht kühl. Er war entschlossen, die Freiheit West-Berlins zu verteidigen, aber zutiefst belastet von der Vorstellung, daß seine Entscheidungen die Welt in einen Krieg stürzen könnten.

Auch Kennedy sprach vierzehn Tage vor dem Mauerbau von einer "Mauer". Seinem Berater Walter Rostow sagte er: "Chruschtschow verliert Ostdeutschland. Das kann er nicht zulassen. Wenn er Ostdeutschland verliert, wird er auch Polen und ganz Osteuropa verlieren. Er muß etwas tun, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen – vielleicht eine Mauer. Und wir werden das nicht verhindern können. Ich kann die Allianz zusammenhalten, um West-Berlin zu verteidigen, aber ich kann nichts tun, um Ost-Berlin offenzuhalten." Dies ist auch ein Schlüssel für Kennedys späteres Verhalten: Er wußte, daß er für Aktionen gegen eine Absperrung Ost-Berlins, die wahrscheinlich Krieg bedeuten würde, keine Verbündeten haben würde.