Von Justin Westhoff

Ende Juni starb der stellvertretende Geschäftsführer der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Dr. Heinrich Ochsenfahrt, im Alter von 49 Jahren an einem „Moschkowitz-Syndrom“. Die Kommission hat es sich zur Aufgabe gemacht, bundesdeutsche Mediziner unabhängig über eine vernünftige Arzneitherapie zu informieren. Der sympathische und engagierte Dr. Ochsenfahrt galt überall als kompetenter Fachmann für Arzneimittelrisiken. Daß ausgerechnet er an einer Nebenwirkung gestorben sein könnte, mußte als besonders tragisch empfunden werden. Prompt lancierte der Berliner Dr. Ulrich Möbius, Herausgeber eines Arznei-Informationsdienstes für Ärzte, Ochsenfahrt sei das prominenteste Opfer des weltweit am häufigsten angewendeten Schmerzmittels Metamizol, bei uns bekannt unter dem Markennamen „Novalgin“. Die Bild-Zeitung machte anderntags mit der Schlagzeile auf: „Warnung vor Schmerzmittel – Arzt gestorben.“ Nichts davon ist bewiesen.

Kaum ein Arzt wohl, der ohne nachzuschlagen wüßte, was ein Moschkowitz-Syndrom ist. Die Krankheit, erstmals in den zwanziger Jahren beobachtet, wurde bislang in der Fachliteratur erst einige hundertmal beschrieben, ist also extrem selten. Bei ihr werden die feinen Blutgefäße so geschädigt, daß es zu Gerinnseln kommt, die schließlich die Blutplättchen „auffressen“; es kommt zu schweren Blutungen. Die Ursache ist vollkommen unbekannt. Vermutet werden unter anderem Viren und auch Medikamente. Der Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs ist allein aus statistisch-methodischen Gründen kaum möglich. Doktor Ochsenfahrt hatte zum Beispiel neben Metamizol mindestens zwei weitere Medizinen bekommen, ein lokales Betäubungsmittel wegen eines gezogenen Zahns und Schmerzmittel wegen seit Jahren immer wieder auftretender Nierenkoliken.

Ärgerlich ist denn auch der Geschäftsführer der Ärzte-Arzneikommission, Dr. Karl. H. Kimbel, über diesen „Sensations-Aufhänger“. Zwar sei ein Zusammenhang zwischen Metamizol-Einnahme und Moschkowitz-Syndrom nicht auszuschließen, der ganze Rummel aber lenke nur von der eigentlichen, durchaus ernstzunehmenden Problematik ab. Kimbel plädiert nämlich für harte Maßnahmen gegen Metamizol.

Unbestritten zeichnet sich die zur Gruppe der Pyrazolone zählende Substanz durch eine Kombination günstiger Eigenschaften aus: Metamizol, älter als dieses Jahrhundert, wirkt hervorragend schmerzstillend und krampflösend, außerdem fiebersenkend und – und in geringerem Maß – entzündungshemmend. Seit Jahrzehnten ist aber auch bekannt, daß es vor allem zwei schwere Nebenwirkungen haben kann: Die Agranulozytose, eine Schädigung von Knochenmark und blutbildendem System, welche die Fähigkeit des Organismus beeinträchtigt, mit Infektionen fertig zu werden, sowie den (häufig allergischen, „anaphylaktischen“) Schock. Beide Komplikationen haben gemein, daß sie schnelles fachärztliches Eingreifen erfordern und daß sie zum Tode führen können.

Viele Industriestaaten haben Metamizol aus diesen Gründen schlicht verboten, andere ließen den Stoff gar nicht erst zu oder verfügten strenge Auflagen. Das bei uns zuständige Bundesgesundheitsamt (BGA) mit Sitz in Berlin hat sich in den Jahren 1981 und 1982 intensiv mit Pyrazolonen befaßt. Zunächst waren umfassende Indikationsbeschränkungen und Warnhinweise vorgesehen. Metamizol sollte nur noch kurzfristig und nur dann angewendet werden dürfen, wenn andere Schmerzmittel versagen. Als Anwendungsgebiete waren im wesentlichen lediglich starke Schmerzen, insbesondere Koliken und Tumorschmerzen, vorgesehen. Im Verlauf der folgenden Monate und Jahre wurden diese Maßnahmen jedoch aufgeweicht. Metamizol-Präparate durften schließlich bei umfassenderen Indikationen eingesetzt werden, als es die später intervenierenden Hersteller ursprünglich selbst gefordert hatten.

Das BGA hatte ferner dem vorgesetzten Bundesgesundheitsministerium dringend geraten, solche Mittel unter Rezeptpflicht zu stellen. Das Ministerum läßt sich dabei von einem Sachverständigenausschuß beraten, dem neben Ärzten, Apothekern und Wissenschaftlern auch Industrievertreter angehören. Das Gremium lehnte die Verschreibungspflicht ab. Frei erhältlich sind metamizolhaltige Schmerzmittel jetzt nur noch in Entwicklungsländern, in Israel, Österreich – und in der Bundesrepublik. Nach vorübergehendem Verbrauchsrückgang wegen der öffentlichen Warnungen zu Beginn der achtziger Jahre wird – so ist zu erfahren – „Novalgin“ hierzulande wieder kräftig verkauft.