Sonntagsglocken. Zeit des Hochamts in der Bischofsstadt Salzburg. Was aber ist zu dieser für eine Uraufführung ungewöhnlichen Vormittagsstunde in der von Kirchen umstandenen Felsenreitschule zu hören? Gotteslästerung.

Wann in der zweieinhalb Jahrtausende währenden Geistes-, Kultur- und Theatergeschichte Europas wurden Gott – und die zu aller Zeit auf ihn sich berufenden Herrschenden – mit so inbrünstigem Zorn verflucht wie in der um 459/457 vor Christus in Athen zum erstenmal gespielten Tragödie "Der gefesselte Prometheus" des um 455 im Exil auf Sizilien gestorbenen Asylanten aus Griechenland, Aischylos? "Bete, flehe, winsele allzeit zum Herrschenden", schmäht der an einen Felsen im Kaukasus geschmiedete Titan Prometheus den Chor und spricht voll Hohn sein Glaubensbekenntnis: "Mir aber liegt an dem Zeus weniger als gar nichts."

So nah der schnöden Umgangssprache übersetzt der in Salzburg lebende, 1942 geborene Peter Handke die beiden zentralen Verse, die in früheren Übertragungen ungleich feierlicher klangen: "Bet’ an in Demut, schmeichle stets den Herrschenden! / Mich aber kümmert minder dieser Zeus denn nichts!" (Droysen/Nestle); "So knie, rote, dienre um den Mächtigen./Doch mir berührt Zeus weniger als ein Nichts das Herz" (Carlo Philips); "Fleh, ruf und schmeichle dem, der ewig herrscht! / Ich frage weniger als nichts nach Zeus!" (Friedrich Leopold Graf zu Stolberg); "Bet an, verehr ihn, schmeichle dem, der jeweils herrscht! / Ich aber scher um Zeus mich wen’ger als ein Nichts" (Oskar Werner).

Die kleine Mühe sollten wir nicht scheuen, auf frühere Übersetzungen zu schauen. Ist doch Theater in Europa ohne die griechischen Tragiker nicht zu denken – also auch nicht ohne Übersetzer. Schroff hat Handke in den letzten Wochen seine gelehrten Vorgänger bei der Eindeutschung des "Prometheus Desmotes" getadelt. Anders als sie, spricht er nicht gefällig vom "Gefesselten Prometheus", sondern in harter Fügung von "Prometheus, gefesselt". Etwas vom Schönsten an Klaus Michael Grübers erster Inszenierung des neuen Textes: hier wird dem Theater ein alturaltes Stück in modern schlanker, fremd veraltete Wörter nicht scheuender, bildhafter Sprache gewonnen. Das von Handke beklagte "Elend" mancher Übersetzungen, die weniger für die Bühne als für die Gelehrtenstube hergestellt scheinen – hier hat es ein Ende.

Wie magenkrampfend die Klage der jungen, in eine Kuh verwandelten Frau Io (Angela Winkler), die der allmächtige Zeus mit seiner Gier, seine eifersüchtige Frau Hera mit einer ewig stechenden Viehbremse verfolgen: "O weh, ach o weh ... In Angst schlägt das Herz aus / Gegen den Bauch" – verglichen mit den auf einem Theater eher komischen Seufzern bisher: "Eleleu! Eleleu! ... Und der Schrecken zerstampft mir den klaren Sinn" (Droysen); "Hohoho, hohoho! ... Ach, mir stößt in der Brust das entsetzte Herz" (Philips); "O weh! o weh! o weh! .. Vor Schrecken fährt empor / In die Brust mir das Herz" (Stolberg); "O des Leids! O des Leids! ... Wie das Herz mir voll Furcht an die Brust pochend stößt" (Werner).

"So treu wie frei" wollte Handke das alte Trauerspiel übersetzen. Beim Lesen, beim Vergleichen mit dem Original und anderen Übertragungen – vor allem beim Zuhören merkt man, wie nah der Dolmetsch seinem Ideal kommt. Dankbar profitiert der Theaterbesucher vom Fleiß dieses Übersetzers: Fast erreicht die Zahl der eingedeutschten Werke die der eigenen Bücher Handkes (aus dem Amerikanischen: Walker Percy; aus dem Französischen: Francis Ponge, Marguerite Duras, Emmanuel Bove, Georges-Arthur Goldschmidt; aus dem Slowenischen, der Sprache der Minderheit seiner Heimat in Kärnten: Florjan Lipuš und Gustav Janus).

Ein so mit der fremden wie mit der eigenen Sprache und mit dem Theater vertrauter Dichter formuliert denn auch nicht mit dem Ballast des mythologischen Wörterbuchs, wenn von den Wunsch-Angst-Träumen eines Mädchens die Rede ist, das vom Mächtigsten der Götter begehrt wird: "Zeus erglüht in Liebe dir / Vom Pfeil der Sehnsucht; nach der Kypris süßem Kampf / Verlangt’s ihn" (Droysen); "Zeus von des Verlangens Blitz/ Ist ganz von dir entzündet, und im Taumel dir / Will er sich mischen" (Philips); "Zeus/ Entbrannte gegen dich vom Pfeil der Lust, / Und wünschet Kypris’ Bunde sich dein zu freun" (Stolberg); "Zeus ja, durch der Sehnsucht Pfeil / Brennt heiß in Glut dir, trägt nach Kypris’ Werk zu zwein/ Begehr" (Werner); nein, Handke übersetzt, ohne Schnörkel: "Denn Zeus ist heiß / Vor Verlangen nach dir und brennt, gemeinsam die / Liebe zu genießen."