Von Rudolf Walter Leonhardt

Amtlich sprechen sie, die höheren Amtsträger, immer noch vom "Bezirk" und dem, was dort vorgeht. Privat sagen sie dann manchmal, und die kleineren Leute sagen es immer, "bei uns Sachsen", "hier in Thüringen" oder sogar "wir Norddeutschen" (und damit sind in diesem Falle die Mecklenburger gemeint).

Im Artikel 1 der ersten Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 7. Oktober 1949 hatte es noch geheißen: "Deutschland ist eine unteilbare demokratische Republik; sie baut sich auf den deutschen Ländern auf." Heute heißt dieser Artikel schlicht: "Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern."

Von den Ländern ist keine Rede mehr seit dem "Gesetz über die weitere Demokratisierung" vom 23. Juli 1952, in dem dekretiert worden war: "Das noch vom kaiserlichen Deutschland stammende System der administrativen Gliederung in Länder mit eigenen Landesregierungen... gewährleistet nicht die Lösung der neuen Aufgaben unseres Staates."

Die Länder Mecklenburg (mit der Westecke von Pommern), Sachsen und Thüringen, die Provinzen Brandenburg und Sachsen-Anhalt gab es offiziell nicht mehr, als wir vor zweiundzwanzig Jahren in die DDR fuhren. Sie waren ersetzt worden durch 15 Bezirke: Cottbus, Dresden, Erfurt, Frankfurt/Oder, Gera, Halle, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Magdeburg, Neubrandenburg, Potsdam, Rostock, Schwerin, Suhl und Berlin (Ost), das trotz Viermächte-Abkommen den Status eines DDR-Bezirkes zugesprochen bekam.

Natürlich blieben die Sachsen Sachsen, schon durch ihre Sprache als solche zu erkennen (obwohl nur Einheimische und Sprachgelehrte zwischen Sächsisch und Thüringisch unterscheiden können), unter Walter Ulbricht als "Staatsvolk der DDR" gehätschelt und gehänselt, unschwer in den Bezirken wiederzufinden, die in den (nächst der Hauptstadt) drei größten Städten der DDR residieren: Dresden, Leipzig und Chemnitz alias Karl-Marx-Stadt. Aber auf dem Papier gab es Sachsen eben nicht mehr.

Ganz amtlich gibt es Sachsen, Thüringen, Mecklenburg, Anhalt und Brandenburg auch heute nicht. Aber halb amtlich, will ich sagen: von Amts wegen geduldet, doch wieder.