Vor zehn Jahren stand über einem Artikel an dieser Stelle: „Daimler drängt zur Spitze.“ Das war nicht falsch, aber etwas verfrüht. Immerhin rückte damals der Stuttgarter Automobil-Hersteller mit einem Umsatzplus von 24 Prozent im Geschäftsjahr 1975 in einem Zuge von Rang acht auf Rang vier der größten ceutschen Industrieunternehmen vor.

Mehr Umsatz als Daimler-Benz machten seinerzeit nur noch drei Unternehmen: Veba, Thyssen und Hoechst. Auch diese drei wurden von den Autobauern inzwischen überholt. Doch in der Umsatz-Rangliste für das vergangene Geschäftsjahr stehen zwei andere Unternehmen ganz vorn: der Münchner Elektrokonzern Siemens und Volkswagen. Wenn nicht alles täuscht, wird es allerdings das letzte Mal so sein. Die Reihenfolge der hiesigen Großkonzerne für 1986 wird wahrscheinlich so lauten: Daimler-Benz, Volkswagen, Siemens – also genau umgekehrt wie für das vergangene Jahr.

Daß Daimler-Benz die neue Nummer eins ist, stand spätestens dann fest, als das beinahe hundertjährige Autounternehmen nach der Übernahme des Triebwerkbauers MTU und des Luft- und Raumfahrtkonzerns Dornier im Herbst vergangenen Jahres auch noch den drittgrößten ceutschen Elektro-Laden AEG schluckte. Trotz des einschneidenden Schrumpfungsprozesses, den AEG nach seiner Beinahe-Pleite durchmachen mußte, steht das Unternehmen mit knapp elf Milliarden Mark Umsatz auf Platz 26 der Liste. Vor einem Jahrzehnt rangierte AEG mit damals bereits knapp 13 Milliarden Mark Umsatz noch auf dem zehnten Platz der umsatzstärksten Unternehmen – vor Konzernen wie RWE, Ruhrkohle, GHH, Esso, Shell, Bosch, Ford und Opel.

Im Geschäftsbericht wird der Zusammenschluß Daimler-AEG freilich erst in diesem Jahr vollzogen. Daimler-Vorstandsvorsitzender Werner Breitschwerdt hat schon mal ausrechnen lassen, was dabei insgesamt vermutlich herauskommen wird: 66 Milliarden Mark Umsatz. Da wird Volkswagen trotz gutgehender Geschäfte nicht mithalten können, obwohl auch die Wolfsburger „Umsatz gekauft“ haben, um ihre europäische Spitzenstellung zu festigen: VW übernahm im Frühjahr den spanischen Autohersteller Seat.

Vermutlich gleich zwei Autokonzerne auf den ersten Plätzen in der kommenden Rangliste für 1986 – das demonstriert nicht nur, daß diese Branche für die deutsche Industrie noch wichtiger geworden ist, sondern zeigt auch ihre bemerkenswerte Robustheit gegenüber den jüngsten Anfechtungen, nämlich der Diskussion um Katalysator und Tempo hundert.

Vergleicht man die Listen der umsatzstärksten Unternehmen für 1975 und 1985, fällt aber nicht nur der Aufstieg Daimlers und VWs (von Rang 7 auf Rang 2) auf. Noch eindrucksvoller ist der Sprung, den BMW von Platz 37 auf Platz 15 machte. Daß die hiesigen Töchter der amerikanischen Autokonzerne General Motors (Opel) und Ford im vergangenen Jahrzehnt ihre Positionen praktisch nicht verbessern konnten, liegt in erster Linie an den negativen Folgen der strengen Konzernräson. So hatten die Detroiter Hauptquartiere noch bis vor kurzem alle Exporte der deutschen Töchter auf den lukrativen US-Markt unterbunden. Gerade dort aber tätigten Daimler, BMW und VW ihre besten Geschäfte, so lange der Dollar hoch bewertet war.

Der Blick zurück erfaßt den Aufstieg der Automobilindustrie als dritte Welle eines großen Strukturwandels nach dem Krieg: Bis 1958 stand kontinuierlich Krupp – mit zuletzt 3,3 Milliarden Mark Umsatz – an der Spitze. Chemie- und Energiekonzerne verdrängten dann die Unternehmen der Schwer- und Montanindustrie – auch eine Folge