Selbstverständlich wird im „Holländerstädtchen“ Friedrichstadt noch holländisch gesprochen – immer dann, wenn ein Touristenbus aus den Niederlanden am Marktplatz anhält. Doch die Friedrichstädter selbst sprechen, von ein paar Ausnahmen abgesehen, kein Wort der rauhkehligen Nachbarsprache mehr. Hier spricht man plattdeutsch, wenn man untereinander ist, dänisch, wenn man mit der einheimischen Minderheit (gut zwölf Prozent der rund 2600 Bewohner) schnackt, und hochdeutsch, wenn die Touristen – circa 50 000 jedes Jahr – einfallen.

Die Besucher kommen wegen der Holländer, respektive wegen deren historischer Hinterlassenschaften. Anno 1619 ließen sich niederländische Remonstranten auf dieser kleinen Insel am Zusammenfluß von Eider und Treene nieder, ganz nach Wunsch des Landesherrn. Friedrich III., der Herzog von Gottorf, demonstrierte hier gleichermaßen Toleranz und Eigennutz. Er tolerierte die Remonstranten-Religion, die in der holländischen Heimat unter den regierenden Calvinisten als ausrottungswürdige Verirrung galt. Die Glaubensflüchtlinge baten Friedrich um Kirchen- und Handelsprivilegien, die er beide reichlich gewährte, Schließlich wollte auch er seinen Anteil am aufblühenden Orienthandel haben. Und die see- wie kaufmännisch erfahrenen, als bienenfleißig gerühmten Holländer schienen ihm die richtigen Männer zu sein, einen großen Handelshafen für Seide und sonstige begehrte Waren zu führen.

Fürst und Flüchtlinge gingen schnell ans Werk: An der Eidermündung, unweit der offenen See, wurde der neue Hafen sorgfältig geplant. Die ackurat rechtwinkligen Straßen, breit genug für Handelswagen, wurden eingepaßt in ein System von Fleeten und Sielen, die von den Holländern sofort zu Grachten umgebaut wurden, nicht nur aus Sentimentalität, sondern vornehmlich, um Transportwege zu haben.

Die hoffnungsvollen Neusiedler bauten ihre Stadt im Stil der niederländischen Renaissance. Sie schufen damit, ohne es zu wissen, die Grundlage für den bescheidenen Wohlstand der kleinen Stadt. Der Holländer und des Herzogs große Pläne jedoch erfüllten sich nicht: Friedrichstadt fand nie einen Zugang zum internationalen Handel. Manche Familie mußte im Lauf der nächsten Generationen der neuen Heimat wieder den Rücken kehren, bisweilen nach einem handfesten Konkurs.

Immerhin, sie hinterließen jene hübschen Häuser und Anlagen, die heute Fremde von weit her anlocken und für Friedrichstadt einzig ernsthaftes Gewerbe sorgen, für den Fremdenverkehr. Am Markt, beiderseits des Mittelburggrabens und in der heute Fußgängern vorbehaltenen Prinzenstraße sind die schmucksten Bauten.

Das Prachtstück ist zweifelsohne das Paludanus-Haus in der Prinzenstraße, ein fünfgeschossiges Kaufmannsheim, 1637 von einem wohlhabenden Weinhändler errichtet. Die dänische Gemeinde hat den Bau erworben und aufs feinste restauriert.

Zum Marktplatz sind es nur ein paar Schritte. Die kleine Stadt hat den großen Platz in ihrer Mitte klug genutzt: Zur einen Hälfte als Parkanlage mit alten Bäumen, zur anderen Hälfte für den Bauernmarkt. Nach Abzug des Kraut-und-Rüben-Gewerbes dient der Platz als Parkfläche – darüber sollten die Stadtväter einmal nachdenken. Wenn nämlich das Brunnenhäuschen hinter Autoblechen verschwindet, hat das selbst dieses „kleine Monstrum“ nicht verdient. So nämlich nennt Heinrich Erler in seiner Stadtgeschichte die neogotische Zuckerbäckerei aus dem Jahr 1879, die mit Versen des Plattdeutschdichters Klaus Groth geziert und heute allenthalben geliebt ist. Der bekannteste Bau am Markt ist das Edamer-Haus (Nr. 16); typischer für den schlichten, aber geschmackvollen Stil holländischer Bauart ist jedoch Haus Nr. 23. Prunkvoll hingegen zeigt sich die Apotheke mit ihrer Freitreppe und dem Adler, Symbol eines königlich-dänischen Privilegs, über dem Portal. Und dann ist da noch das vergammelte Haus, in dem ein Supermarkt Umsatz macht und die Hauszeile schändet...