Hannibal ante portas“ hieß im Zweiten Punischen Krieg der Schreckensruf römischer Legionäre, die vor den Pforten ihrer Stadt einige Reiter der karthagischen Armee gesichtet hatten. Das ist fast zweitausendzweihundert Jahre her. Heute zittern die westlichen Industrien vor dem Expansionsdrang der japanischen Wirtschaft. Dem Feldherrn Hannibal gelang es nie, in das feindliche Rom einzumarschieren. Japanische Automobile oder Elektroprodukte haben dagegen die Zollmauern in den wichtigsten Absatzmärkten rund um den Globus mit Leichtigkeit übersprungen.

Und nun scheint Japan zu einer neuen Invasion anzusetzen. Immer mehr Banken aus dem Land der aufgehenden Sonne versuchen, in den großen Finanzzentren Fuß zu fassen. Jüngstes Beispiel dafür ist die Beteiligung der japanischen Sumitomo Bank an Goldmann Sachs, einem der ältesten amerikanischen Wertpapierhäuser. In den vergangenen Jahren haben sich zwar bereits mehrere japanische Banken in den USA eigene Stützpunkte errichtet. Der Weg über eine Beteiligung ist jedoch ein Novum, über das Sumitomo den direkten Zugang zu amerikanischen Unternehmen erhält.

Der Kapitalexport wird von der Regierung Nakasone fleißig gefördert, um den Höhenflug des Yen zu dämpfen. Bisher durften die japanischen Institute nur vierzig Prozent ihres monatlichen Zuwachses im Anlagevermögen in ausländischen Wertpapieren anlegen, künftig soll diese Grenze wegfallen. Die Lebensversicherer konnten nur zehn Prozent ihrer Aktiva in Auslandsanleihen stecken, jetzt werden ihnen 25 Prozent zugestanden.

Welch großes Rad Japans Geschäftsbanken in der internationalen Finanzwelt schon drehen, zeigt sich an ihren Aktivitäten in der Londoner City. Hinter rund einem Viertel aller vergebenen Kredite stehen japanische Gläubiger. Gemessen an ihrer Bilanzsumme zählen die fünf größten der insgesamt dreizehn japanischen Geschäftsbanken zu den zehn bedeutendsten Kreditinstituten in der Welt. Im vergangenen Jahr lief sogar Dai-Ichi-Kangyo deramerikanischen Citicorp. den Rang als weltgrößte Bank ab.

Immer mächtiger werden die Japaner auch am Euromarkt. Die vier führenden Wertpapierhäuser Daiwa, Nikko, Nomura und Yamaichi emittierten als Konsortialführer in den ersten vier Monaten dieses Jahres Euroanleihen für 7,4 Milliarden Dollar.

Bei einem Leistungsbilanzüberschuß von jährlich über fünfzig Milliarden Dollar sind die Kassen der japanischen Wirtschaft natürlich gut gefüllt. Davon hat die Tokioter Börse schon reichlich profitiert. Inzwischen haben die Aktienkurse am Kabuto Cho jedoch astronomische Höhen erreicht. Das Gros der japanischen Dividendentitel wird gegenwärtig mit dem vierzigfachen Gewinn bewertet. Hierzulande beträgt das Kurs/Gewinn-Verhältnis gerade elf.

Die japanischen Exportmilliarden kamen in den vergangenen Jahren vor allem dem amerikanischen Anleihemarkt zugute. Doch seitdem dort die Verzinsung immer spärlicher ausfällt und der schwache Dollar hohe Währungsverluste mit sich bringt, orientieren sich die Großanleger um. Auf der Suche nach attraktiveren Plätzen kommen sie an Europa nicht mehr vorbei. Großen Nachholbedarf hat vor allem die deutsche Börse. Von den etwa sechzig Milliarden Dollar, die japanische Pensionskassen und Versicherungen 1985 in ausländischen Wertpapieren anlegten, entfielen gerade 200 Millionen Dollar auf den deutschen Markt. Britische Anleger brachten deutschen Dividendenwerten da schon mehr Vertrauen entgegen und investierten fast drei Milliarden Dollar in Siemens, Daimler, Deutsche Bank und Co.

Da die japanischen Anleger ihre Gelder international stärker streuen wollen, dürften sie zunehmend Gefallen an den preiswerten deutschen Qualitätstitel finden. Aus den bisher investierten Millionen-Beträgen könnte dann schnell ein Milliardenspiel werden und das ohne großes Währungsrisiko. Denn sowohl die Mark als auch der Yen zählen zu den härtesten Valuten am internationalen Devisenmarkt. Solidus