Aufsehen und Polemik hat Venedigs jüngste anti-touristische Maßnahme entfacht: Der Bürgermeister verbannte die Rucksack-Urlauber aus dem historischen Zentrum.

Das Unternehmen glich einem Kreuzzug. Die Protagonisten: Venedigs Oberhaupt Nereo Laroni, sein Fremdenverkehrsreferent sowie die städtische Schutzpolizei auf der einen, ein paar hundert Rucksack-Urlauber auf der anderen Seite. „Die neuen Türken“ heißen die Ritter ohne Portemonnaie seither im Volksmund, die nächtens auf der Piazza San Marco oder vor dem Bahnhof ihre Picknicks zelebrieren und sich dort anschließend zur Ruhe betten.

Das wenig betuchte Völkchen mit seinen unansehnlichen Hinterlassenschaften – Dosen, Flaschen, Plastik und Fäkalien – waren Bürgermeister Laroni in diesem Sommer derart ein Dorn im Auge, daß er die jungen Leute von der Polizei kurzerhand von ihren Stammplätzen vertreiben ließ, per Verordnung einen Bannkreis ums historische Zentrum schuf, der Nachtlager und Gelage fortan fernhalten soll. „Ich will verhindern, daß das zivilisierte historische Zentrum zur Kasbah verkommt“, rechtfertigte Laroni seinen drastischen Schritt.

Der hat in der Lagunenstadt selber, die zur Hauptsaison tatsächlich meist unter Strömen von Urlaubern und Gebirgen von Abfall zu ersticken droht, indessen nicht nur Zustimmung gefunden. In diesem Jahr sind die von Terrorängsten geplagten Amerikaner massenweise ausgeblieben – man dürfe daher nicht noch zusätzlich selber Gäste vertreiben, hieß es unter den Bürgern. „Arrogant“ wurde das Vorgehen Laronis ausgerechnet gegen die ärmsten Reisemäuse genannt, als zusätzliches Indiz für die ohnehin sattsam bekannte venezianische Geldgier und Schröpflust gewertet, als Ungerechtigkeit auch, denn: Dreck fliegt auch aus den japanischen Reisebussen.

Wenig Verständnis hat der venezianische Bannfluch auch bei vielen Stadtvätern anderer großer italienischer Publikumsmagneten gefunden, die sich nicht minder als Venedig mit den Auswüchsen der sommerlichen Masseninvasionen herumzuschlagen haben. Als „sinnloses Unterfangen“ kanzelte beispielsweise der Bürgermeister von Florenz die Aktion seines nördlichen Nachbarn ab. Alle italienischen Kommunalpolitiker, die sich in die Diskussion um die „neuen Türken“ einmischten, stimmten freilich carin überein, daß Kreuzzüge wie der venezianische das grundsätzliche Problem der Überlastung städtischer Infrastrukturen durch den Tourismus nicht zu lösen imstande sind.

Um die jungen Wegelagerer erfolgreich und auf Dauer von Plätzen und Bahnhofshallen fernzuhalten, meinen die meisten Stadtverwalter, müßten preiswerte Quartiere nicht allzu fernab der Zentren geschaffen werden. Gerade dies aber, kritisierte der italienische Studenten-Service „Centro turistico studentesco“ (Cts), hat Venedigs Verwaltung bisher versäumt. Seit bereits fünf Jahren bemüht sich die Organisation vergeblich um eine Genehmigung, das ehemalige Krankenhaus der mittlerweile unbewohnten Laguneninsel Sacca Sessola in eine Herberge mit 800 Schlafplätzen umzuwandeln. 1980 hätte die Restaurierung für eine halbe Milliarde Lire (rund 715 000 Mark) erfolgen können, heute würde sie stolze drei Milliarden (rund 4 290 000 Mark) verschlingen.

Solche Vorwürfe mögen die venezianischen Behörden indessen nicht auf sich sitzen lassen. Eine Milliarde Lire (etwa 1 430 000 Mark), konterten sie, stehe bereit für den Umbau des Militärspitals in der Gasse Riva degli Schiavoni – daraus soll ein Domizil für Jugendliche entstehen, das die örtliche Hoteliersvereinigung zum Selbstkostenpreis führen will.