Bei den lovely Kessler-Twins dachte ich natürlich an Dich", schreibt mir ein Freund und schickt mir ein Filmprogramm aus den fünfziger Jahren: "Solang’ es hübsche Mädchen gibt..."

Dem Papier sind die Spuren anzusehen: in der Mitte geknickt, an der linken Seite gelocht und ein Stück herausgerissen. Dem Lächeln der beiden Blondinen auf der Illustrierten Film-Bühne Nr. 2827 kann das jedoch nichts anhaben: mit rotkolorierten Lippen strahlen Alice und Ellen Kessler vom schwarzweißen Titelblatt, 19 Jahre alt und Hauptdarstellerinnen eines Films, in dem sie sich selbst und ein Traumbild zu verkörpern haben – Zwillingsschwestern und Revuestars, die im Gleichschritt alle Irrungen und Wirrungen meistern, die ein deutscher Unterhaltungsfilm der Wirtschaftswunderjahre zu bieten hat. Tanzend gelangen die Zwillinge ins Happy-End ihres ersten Films und haben mit einer Show, "ganz offiziell im Kurhaus von Garmisch", einen Bombenerfolg – "Solang’ es hübsche Mädchen gibt.. Deutschland, 1955.

Nahtlos ließe sich die Geschichte fortsetzen: Noch im selben Jahr sieht sie der Direktor des Pariser "Lido" auf der Bühne eines Düsseldorfer Revuetheaters, ist "von ihrer Vielseitigkeit und Präzision beeindruckt und holt sie an sein weltberühmtes Varieté auf den Champs-Elysées. Innerhalb eines Jahres haben sich die Kessler-Zwillinge an die Spitze der englischen Tanzgruppe Blue-Bell-Girls getanzt", berichtet das Munzinger-Archiv zur Lieferung 49/78, Alice und Ellen Kessler.

Als der Vertrag der in Sachsen geborenen eineiigen Zwillinge mit dem "Lido" 1960 abläuft, bedeutet das keineswegs das Ende ihrer Karriere: die als "doppeltes deutsches Fräulein-Wunder" gefeierten Schwestern gehen auf Tournee und "tanzten in der Folge auf allen großen Show-Bühnen der Welt, traten in vielen internationalen Fernsehshows auf und wirkten in vielen Filmen mit. Der Name .Kessler-Zwillinge’ wurde zum Markenzeichen für brillant-perfekte Tanzkunst im Revuestil."

Die Zeit der großen Revuetheater und Varieteé: vorbei wie die der bunten Schlagerfilme und aufwendigen Samstagabendshows im Fernsehen. Die Auftrittsmöglichkeiten, die könne man sich nicht aussuchen, sagte Alice Kessler 1979 in einem Gespräch. In einem Hotel in Travemünde sah ich die Kessler-Zwillinge damals zum erstenmal auf der Bühne: 43 Jahre alt und Stars eines Gala-Abends für 1500 Friseure, die von einem Haarpflegekonzern zum "Internationalen Kongreß für methodische Friseur-Haarpflege" gebeten wurden und zum Abschluß "Deutschlands blaß-blonden Show-Export" bewundern konnten – in wechselnden Kostümen, mit viel Flitter und Bein, Federboas und "absolutem Professionalismus".

Nach kaltem Büfett und Rückblick auf fünfzig Jahre Frisurenmode präsentierten die "schlanken, rassigen Präzisionswunder" noch einmal im Gleichschritt große Show und weckten Erinnerungen an vergangene Zeiten und Grenzpunkte. Mit 18 hätten sie gedacht, "mit 30 ist alles vorbei, dann sind wir alt", berichtete Ellen Kessler vor dem Auftritt, "und heute sind wir Anfang 40, und es sieht so aus, als ob es noch weitergeht" – auch über die noch Mitte der siebziger Jahre markierte Grenze hinaus: "Wir wollen nicht noch mit 50 mit Netzstrümpfen und Grauhaar herumflattern", stellten sie seinerzeit fest. Heute tanzen und singen sie weiter: mit und gegen die alten Bilder – "Solang’ es hübsche Mädchen gibt..."

Am 20. August werden Alice und Ellen Kessler 50. Ich hole noch einmal die Tonbandkassette des vor sieben Jahren mit ihnen geführten Gesprächs aus dem Schrank. Das Altern müsse man akzeptieren, erklärt Ellen Kessler auf dem Band. Und Alice Kessler: "Ich find’ das Altwerden nicht unbedingt was Schönes oder freue mich darauf. Aber Angst vorm Altwerden hab’ ich nicht – und man ist ja auch nur so alt, wie man sich fühlt."

"Manchmal kann man sich sehr alt fühlen", wirft Ellen Kessler ein. Alice Kessler lacht: "Wenn man sehr müde ist." Und bevor eine Pause entsteht, fügt sie hinzu: "Aber das kann man auch als 20jähriger – da kann man genauso müde sein." Ich erinnere mich. Raimund Hoghe