Die Geschichte wird über die Berliner Mauer hinweggehen

Von Marion Gräfin Dönhoff

Immer schon gab es Mauern in der Geschichte. Aber ihr Daseinszweck war nicht stets der gleiche. Die Chinesen hatten ihre ersten Schutzwälle gegen räuberische Nomaden – die Vorläufer der Großen Mauer – schon tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung errichtet. Die Chinesische Mauer existiert also bereits seit drei Jahrtausenden.

Die Mauer in Berlin steht erst seit 25 Jahren, aber wenn man bedenkt, daß es ihr Zweck ist, die Flucht der eigenen Bürger zu verhindern, dann ist das schon eine sehr lange Zeit. Man wird sich kaum vorstellen können, daß sie in weiteren 25 Jahren auch noch steht. Die Umdrehungsgeschwindigkeit der Geschichte ist heute anders als früher. Was für ewig gedacht schien, ist im Handumdrehen verschwunden: Wer denkt heute noch an Maos rotes Büchlein, mit dem viele Millionen Chinesen jahrelang bei jeder Gelegenheit zu wirken pflegten?

Auch die Berliner Mauer ist nicht für die Ewigkeit bestimmt. Sie zerteilt ja nicht nur die Stadt, sie ist ein Symbol für die Teilung Europas, und dies ist ein so ahistorischer Zustand, daß ihm keine Dauer beschieden sein kann. Wie vielfältig verwoben und verflochten, wie differenziert und interessant, war Europa, als es noch heil war, als Prag, Krakau, Warschau, Budapest ebenso selbstverständlich dazugehörten wie Wien oder Paris?

Seit mehr als drei Jahrzehnten wird Weltpolitik nie mehr anders als im Rahmen der Bipolarität abgehandelt. Die beiden Supermächte sind die Pole, zwischen denen sich das Weltgeschehen abspielt. Gelegentlich wird noch die Dritte Welt erwähnt, aber Europa kommt bei solchen Diskussionen als selbständiger Begriff kaum je vor, weil es einerseits nur noch als Bestandteil der westlichen Allianz, andererseits als Zubehör des Warschauer Pakts wahrgenommen und gewertet wird.

Der alte Kontinent Europa, jahrhundertelang das Zentrum der Welt, existiert nicht einmal mehr im Bewußtsein der Westeuropäer: Sie fühlen sich diesseits der Elbe als Teil des Gemeinsamen Marktes und der Nato und sie betrachten Osteuropa nur unter dem Aspekt des Moskauer Vorzeichens. Da kommt es dann zu absurden Zuordnungen, wie beispielsweise der Kategorisierung Ost-Berlins als Teil Osteuropas.