Während der Sommer uns milde stimmt und vergeßlich macht, uns durch Wiesen und Bäche wandern, über Klippen und Strände spazieren, freudig das gute heimische Eis und die süßen Früchte des Waldes und Feldes genießen läßt, möchte ich auf ein Thema von brennender Aktualität zurückkommen: Tschernobyl. Der arglose Leser wird vielleicht sagen, das Thema sei nicht mehr aktuell, was man daran sehe, daß die Zeitungen nicht mehr davon sprächen. Nun denn, dies ist eine Zeitung, und wie man sieht, spreche ich noch davon. Also ist Tschernobyl aktuell.

Was aktuell daran bleibt, ist freilich nicht Tschernobyl, denn geschehen ist geschehen, sondern die „Tschernobylia“, das heißt die Gesamtheit der möglichen künftigen Tschernobyls, und über sie Klarheit zu gewinnen, ist schwierig. Ich zum Beispiel organisierte vor fünfundzwanzig Jahren die Übersetzung und Publikation von apokalyptischen Berichten über den nuklearen „Fall-out“, ich wünschte, daß alle Kernwaffenarsenale vernichtet würden, ich mache mir Sorgen über Pakistan, das heimlich dabei ist, sich seine Bombe zu bauen – nicht weil ich jenem noblen Land mißtraue, sondern weil ich jener üblen Sache mißtraue, die sich Atombombe nennt.

Und doch erfassen mich angesichts des Dilemmas der Energieversorgung oft Zweifel. Der Fortschritt der Motorisierung führt zu Verlusten an Menschenleben, zu Luft- und Umweltverschmutzung, Fettleibigkeit und so weiter, aber wenn ich diese Verluste mit den geretteten Leben durch motorisierte Ambulanzen und Feuerwehren vergleiche, zu schweigen von anderen sozialen Vorteilen, bin ich bereit, das Risiko zu akzeptieren. Die gleiche Rechnung gilt für den Flugverkehr, für die Automatisierung und sogar (mit den gebotenen Vorsichtsmaßnahmen) für die chemischen Herbizide und Konservierungsmittel.

Gilt dann nicht auch dasselbe für die friedliche Nutzung der Kernenergie? Wenn das Risiko einer neuen Katastrophe großen Ausmaßes wirklich nur minimal wäre, lohnt es sich dann nicht, es für die Gewißheit des Fortschritts einzugehen? So habe ich mich gefragt, wie es viele tun, doch dann bin ich zu dem Ergebnis gekommen, daß dieses „Restrisiko“, so mikroskopisch winzig es auch immer sein mag, ganz anders geartet ist als alle anderen Risiken, die ich akzeptiere. Die Opfer der Motorisierung sterben nicht alle auf einmal, und wenn man an einem bestimmten Punkt entdecken würde, daß ihre Zahl sich verdoppelt hat, könnte man immer noch etwas dagegen tun. Dieselbe Überlegung gilt auch für alle übrigen Risiken, für die des Flugverkehrs, der Eisenbahnen, der Nahrungsmittel, der Medikamente oder der Biogenetik. Es wird immer nur gruppenweise gestorben, und jenseits einer gewissen Schwelle – siehe die Methanolvergiftung – gelingt es der Gesellschaft immer noch, Abhilfe zu schaffen. Schlimmstenfalls braucht man nur auf den Wein zu verzichten.

Doch gegen die allerkleinste und allerentfernteste Möglichkeit von „Tschernobylia“ gäbe es, wenn sie einträte, keine Abhilfe, und sie würde sämtliche Vorteile, die um den Preis aller anderen akzeptierten Risiken eventuell erreicht wären, ein für allemal auslöschen. Die „Tschernobylia“ haben große Ähnlichkeit mit einem metaphysischen Problem. Der Eintritt einer planetarischen Nuklearkatastrophe teilt mit Gott – freilich auf einer anderen ontologischen Stufe – jene Eigenschaft, von der Anselm von Canterbury sprach: Er ist das, als dessen Größeres nichts gedacht werden kann.

An diesem Punkt meiner Überlegungen kam mir die berühmte Wette von Pascal in den Sinn: Lohnt es sich, wenn man bedenkt, daß wir nicht mit mathematischer Sicherheit wissen, ob Gott existiert – lohnt es sich für uns, unter tausend Opfern zu leben, als ob Gott existierte, um dann vielleicht zu entdecken, daß wir unser Leben ruiniert haben?

Es lohnt sich, sagt Pascal, der etwas von Wahrscheinlichkeitsrechnung verstand. Denn wenn wir tugendhaft gelebt haben und Gott nicht existiert, haben wir nur ein paar Jahrzehnte unseres Lebens verspielt. Doch wenn wir leben, als ob er nicht existierte, und dann gibt es ihn doch, haben wir die Ewigkeit verspielt. Der eventuelle Vorteil steht in keinem Verhältnis zum Risiko, es lohnt sich also, auf Gott zu setzen.