Highlife an der Küste, Verfall in den Dörfern: Istrien erlebt seinen Boom-Sommer

Von Rainer Schauer

Nach zehn Jahren Matrosenleben auf einem liberianischen Billigflaggen-Frachter ist Macan Jadranko in sein istrisches Heimatdorf Mandriol zurückgekehrt. Das sind fünf Häuser auf einem Hügel über dem Meer an der flachen Felsküste zwischen Fažana und Barbariga im Westen der jugoslawischen Halbinsel. Inmitten der Macchia liegt das Dorf, zu dem holprige Schotterwege führen, an denen die Wegwarten blühen und wilder Dill. Wenn die Sonne an den Wunden in der Rinde der Strandkiefern leckt und der Wind vom Meer her weht, dann riecht es in dem immergrünen Gestrüpp nach Harz, kräftig und würzig.

Macan hat geheiratet, ein Haus aus weiß-grauen Feldsteinen gebaut und im Erdgeschoß eine "Konoba", ein Gasthaus, eine Kneipe eingerichtet. Von der Terrasse geht der Blick weit über den Filz- und Dornenteppich der Macchia übers dunstige Meer bis zu den Inseln von Brioni. Schön sind die Abende in Mandriol, wenn die Zikaden schräg in die Stille sägen, die Mehl- und Rauchschwalben noch in großer Zahl in der Luft jagen und später im eckigen Flug die Fledermäuse Beute machen. Macans Gäste sind Einheimische und Camping-Urlauber von der Küste. Manchmal sind auch Deutsche darunter, Österreicher und Holländer. Sie sagen, hier schmecke der honiggelbe Malvazija-Wein besser als anderswo, auch der harte scharfe Schafskäse, der Schinken Pršut und die Fische seien immer frisch. Aber dann bestellen sie in der Regel die Balkangerichte Cevapcici und Raznici. Macan hat auch istrische Gerichte auf der Karte, Fischsuppe mit Maisbrei zum Beispiel oder "Manestra", eine dicke Suppe mit Sauerkraut, Bohnen, Kartoffeln, Speck und Knoblauch. Der schnelle Dinar aber kommt vom Grill.

Seit der Tourismus an Istriens Küsten boomt, fließt auch ein dünner Geldstrom in die meernahen Dörfer und Städtchen, die abseits der großen Urlaubszentren in der flachen Weite Süd-Istriens liegen. Aber je leiser die Brandung des Meeres zu hören ist, desto stiller, ursprünglicher und ärmer wird das karstige Land mit der roten Ackerkrume, die so fruchtbar ist, weil der Mensch an ein paar Zentimetern Humus festhält. Ein karges und einfaches Leben: Einige Touristen suchen die Illusion davon, aber auch die Kunst- und Kulturschätze Istriens, die es im Landesinneren im überreichen Maße gibt. Nicht nur in den Städten, sondern auch in kleinen unscheinbaren Dörfern, in denen die Langeweile neben den Alten auf dem Dorfplatz hockt und die Gebetsmühlen der immer wiederkehrenden Gespräche zum Laufen bringt. So ein Dorf, wenn auch ohne versteckte Kunstschätze, ist Kostabona im Norden, wo die weißen Karstberge stehen, die tiefe Täler umrahmen.

Dörfer der Vergangenheit

So wie Kostabona sahen einmal alle istrischen Dörfer und Städtchen aus: Häuser aus felsgrauen, kantigen und unverputzten Feldsteinen, die zu Mauern errichtet wurden, die klassisch schlichte Gevierte abgaben, in die Türen und Fenster in ausgewogenen Abständen zueinander eingelassen wurden – Bauernhäuser, wie nach dem Goldenen Schnitt gebaut. Aus der Ferne formen solche Dörfer ein Bild von geschlossener und ebenmäßiger architektonischer Schönheit. Aber es sind Potemkinsche Dörfer. Beim Näherkommen sieht der Fremde den Verfall und Zerfall, sieht, daß bald stürzen wird, was noch nicht gefallen ist. Istriens alte Dorf- und Stadtkerne sind schon Vergangenheit. In Buje, Buzet, in Pazin, Plomin, in Lavin, in Hum und selbst in den Tourismusstädten an. der Küste wie in Rovinj, Poreč, Umag oder Novigrad, wenn auch hier der Geschwindigkeit der Zerstörung durch notdürftige Renovierungen vorerst Einhalt geboten wurde. Kostabona aber wird seine alten Häuser nicht retten können. Aber selbst im friedlichen Tod sehen sie noch schön aus, weil Rosen und immergrüner Efeu um die Gemäuer ranken und Moose in den Mauerritzen wachsen und Feigenbäume aus Schutthalden sprießen, dort, wo früher die Küche war oder der Stall. Jetzt haben die Bewohner Häuser aus Hohlblock-Steinen und roten Ziegeln am Dorfrand gebaut, flache Häuser mit Bad und Toilette und Fernsehantennen. Der Fortschritt, der billiger ist, braucht keine alten Gemäuer, die sich an Rosen und Efeu lehnen. Vinko Jurcan, der Bürgermeister von Istriens Hauptstadt Pula, sagt, der Tod der mittelalterlichen Dörfer und Städte sei eines der größten Probleme seines Landes. Wie schön könnte zum Beispiel die Altstadt von Vodnjan sein, in der ganze Straßenzüge in venezianischer Spätgotik errichtet wurden. Heute ist Vodnjan eine graue Stadt, über die sich der schlanke Campanile wie ein Wahr- und Mahnzeichen erhebt.