Auch die 105. Reprise des Bonner Pausenfüllers – Strauß kontra Genscher, Zimmermann kontra Baum und Hirsch – macht das Stück nicht viel interessanter. Sogar die Bonner Journalisten, die mit aufregenden Nachrichten in diesem Sommer wirklich nicht verwöhnt werden, verlieren allmählich die Lust daran.

Auch der letzte Knallfrosch, den die CSU vor dem Auswärtigen Amt platzen ließ – Genscher habe durch die Absage einer Botschafter-Konferenz in Afrika „exakt 108 419,38 Mark ... aus dem Fenster hinausgeworfen“, weil ihm damals die verfahrene Situation in den FDP-Landesverbänden wichtiger gewesen sei, bringt das Blut nicht mehr in Wallung. Wer über ausreichendes Erinnerungsvermögen verfügt, weiß noch, daß zwei Tage, ehe die Konferenz beginnen sollte, die Amerikaner ihren Angriff auf Libyen starteten. Welches Geschrei hätte die CSU wohl gemacht, wenn der Außenminister nach Dakar zu den Botschaftern im schwarzen Afrika gefahren wäre?

Einen interessanten Aspekt allerdings haben die bayerischen Attacken mittlerweile: Der außenpolitische Streit hat sich auch in die Union eingefressen. Da hatte sich Volker Rühe, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion, brav und ausführlich die Außenpolitik der Sozialdemokraten vorgeknöpft – mit vernichtendem Urteil und völlig im Einklang mit der Parole des Kanzlers, personalpolitische Diskussionen zu unterlassen und sich auf den politischen Gegner zu konzentrieren. So hatten es auch die Journalisten verstanden, nur die CSU nicht. Ihr ging schon der Satz zu weit: „Unser außenpolitischer Kurs in dieser Bundesregierung ist so erfolgreich, daß keine Veranlassung besteht, davon abzurücken.“

Der CSU-Generalsekretär Tandler und der Landesgruppenchef Waigel aber nahmen dies zum Anlaß für eine geharnischte Generalabrechnung mit der Bonner Außenpolitik und mit Volker Rühe. „In der Sache falsch und in der Form instinktlos“ fanden sie ihn, und peinlich erschien ihnen, daß Rühe „in der Bewunderung für Genschers Außenpolitik Schulter an Schulter mit Horst Ehmke“ stehe. Er habe überdies schon genug Unheil mit seinen „törichten Äußerungen“ über die politische Bindewirkung der Ostverträge gestiftet. Und überhaupt habe es die CSU „nachgerade satt, daß Politiker aus erfolglosen Landesverbänden der CDU in Bonn das große Wort führen“. Es sei höchste Zeit, daß der Kanzler der Sprachverwirrung ein Ende bereite.

Bonner Beobachter erinnern sich an klügere Äußerungen des gescheiten Theo Waigel. Da muß schon einiger Dampf unter dem Münchener Kessel gewesen sein, wenn er sich nicht mehr anders helfen konnte, als in so drastischer Form die Kritik an die Schwesterpartei und den Kanzler weiterzugeben. Tatsächlich ist Rühe der Unionspolitiker, der sich am gründlichsten in die Außenpolitik eingearbeitet hat, und er formuliert nur manchmal etwas deutlicher, was im Kanzleramt gedacht wird.

Es ist schon ein taktisches Musterstück, wie die CSU ihre Schwesterpartei und Helmut Kohl in die Solidarität mit Genscher prügelt. Rühe antwortete denn auch prompt, die Außenpolitik der letzten Jahre sei keine Privatsache Genschers gewesen, und der Außenminister konterte kühl: „Ich sage, daß diese Politik, so wie sie ist, mit dem Bundeskanzler verabredet ist... Auf diese Politik kann sich jeder verlassen, nach innen und nach außen.“

Aus der CSU wurde inzwischen die Drohung laut, wegen der außenpolitischen Differenzen sei das gemeinsame Wahlkampfprogramm der Union gefährdet. Dies wiederum überraschte die CDU, denn bei der bisherigen Diskussion des außenpolitischen Kapitels gab es – abgesehen von eher marginalen, landespolitisch motivierten Einwänden zur Europapolitik – keinen Streit. Haben die Vertreter der CSU, wie das Franz Josef Strauß bei seinen Bonner Ministern einige Male erleben mußte, wieder mal nicht aufgepaßt? Rolf Zundel