Geht der Staat mit Verbrechern zu liberal um? Die Affäre um den Mord und Selbstmord im Hamburger Polizeipräsidium, die zum Rücktritt von Innensenator Rolf Lange und Justizsenatorin Eva Leithäuser führten, berührt auch die Zustände im Strafvollzug. Fragen an den Leiter der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel, Wolfgang Sarodnick:

ZEIT: Durch die Affäre Pinzner ist nun auch der Strafvollzug in Hamburg ins Gerede gekommen, zu Recht eigentlich?

Sarodnick: Die Affäre hat direkt gar nichts mit dem Strafvollzug zu tun: Pinzner befand sich ja in der Untersuchungshaft. Seitdem ich den Strafvollzug kenne, ist er im Gerede, wahrscheinlich weil die Öffentlichkeit zu wenig Verständnis dafür hat, daß der Strafvollzug im Laufe der Jahre gelockert wurde, ohne daß wir vielleicht erklärt haben, warum das geschah.

ZEIT: Was war der Grund?

Sarodnick: Anfang der siebziger Jahre hat sich gezeigt, daß die Insassen untereinander außerordentlich aggressiv reagiert haben, nicht nur gegen Bedienstete, sondern auch gegen sich selbst. Wenn man den Insassen einfach mehr Bewegungsfreiheit gab, nahm die Aggressivität untereinander ab, eine ganz einscheidende klimatische Verbesserung.

Man muß den Insassen Möglichkeiten geben, sich in der Freizeit zu beschäftigen. Man darf sie eben nicht nur einsperren und wegsperren. Dazu kam die Lockerung nach außen, also Urlaubsausgang. Das sind Entscheidungen, die eigentlich sehr schwierig sind. Da spielen viele Fragen eine Rolle: Hat der Insasse Kontakte, die schon lange bestehen? Wie werden diese Kontakte eingeschätzt? Wie ist das Verhalten des Insassen hier? Natürlich ist der Mensch letztlich keine Maschine, die bis ins Detail berechenbar ist, und darum sind solche Entscheidungen natürlich mit Risiken verbunden.

ZEIT: Wie oft kommt es vor, daß beim Urlaub Insassen untertauchen, nicht mehr zurückkommen und dann sogar noch Straftaten begehen?