Von Renée Falcke

Es ist ein heißer Sommertag. Traktoren rattern auf den Wiesen. Es duftet nach Heu. Vor dem alten, normannischen Fachwerkhaus sitzen drei Männer am Tisch, sie lachen, stoßen mit Cidre an. Sie sind so um die sechzig.

Der Mann in der Mitte ist Jean Duval, pensionierter Garagenbesitzer, der das Bauernhaus seiner Familie zu einem komfortablen Gästehaus umgebaut hat. Die beiden anderen, der Engländer Clifford Francis Sadler, links, und der Deutsche Gerhard Felske sind Gäste. Feriengäste, die der Zufall hier zusammenbrachte. Beide, der Engländer und der Deutsche, haben sich das Haus von Monsieur Duval als Ferienquartier ausgesucht, weil Saint-Michel-de-Livet bei Livarot „so günstig, so ideal mitten drin liegt“.

Mister Sadler war 1944 in der Normandie als Pionier der Royal Engineers, Herr Felske diente auf der anderen Seite als Obergefreiter in einem Panzerregiment. Mit neunzehn reparierte der Deutsche aus Westfalen schwere Kettenfahrzeuge, deren Vormarsch der zwanzigjährige Engländer durch Brückensprengungen am Flüßchen Dives aufhalten sollte. Der Franzose Jean Duval, damals gerade achtzehn, bastelte in derselben Gegend an Radios für die Résistance. Mister Sadler mietet schon seit einiger Zeit jeden Sommer für einen Monat das linke Appartement des Hauses Duval. Herr Felske kam in diesem Jahr zum erstenmal und erhielt das rechte Appartement.

Monsieur Duval sah dieser Begegnung mit gemischten Gefühlen entgegen. Kurz vor der Ankunft des deutschen Urlaubers informierte er seinen englischen Stammgast: „Un Allemand arrive“, ein Deutscher kommt. „It’s allright“, lächelte Mister Sadler, bis vor kurzem Finanzmanager beim britischen Chemie-Giganten ICI, „I know Germans“, ich kenne Deutsche.

Alle fanden sich dann, zur großen Erleichterung von Monsieur Duval sympathisch. Sie reden sich inzwischen mit Vornamen an und verbringen manchen Abend gemeinsam im Garten vor dem Haus. Schon nach ein paar Tagen stand für die beiden Gäste fest: „Wir lagen uns damals gegenüber.“ Zur Bestätigung tippt Gerhard Felske immer wieder auf die Straßenkarte von Michelin, auf der er die Orte seines einstigen Wirkens („Ich habe repariert, nie geschossen“) mit einem Kugelschreiber eingekreist hat. Jeder Kreis, es sind über vierzig, wird jetzt bereist.

Gerhard Felske erinnert sich an viele Einzelheiten. Immer wieder spricht er von der schlimmsten Nacht seines Lebens, dem 8. August 1944, von der Nacht, in der ihm Granatsplitter knapp am Herzen vorbei das linke Schultergelenk durchbohrten. „Es passierte außerhalb des kleinen Ortes Proussy, rund 40 Kilometer südlich von Caen. Die Baumbeschädigungen zeigen noch heute, wo die Granaten gefallen sind.“