Man stelle sich das einmal vor! Schloß Gymnich bei Bonn, früher Abend: Der alte amerikanische Präsident und der neue Bundeskanzler sitzen am traulich flackernden Kamin. Da geht die Tür auf, der Kanzler wird hinausgebeten, ein dringender Anruf, aus Wuppertal.

Des Bundeskanzlers Kinderfrau, verzweifelt: Anna-Christina bestehe darauf, daß Papa auch und gerade heute abend höchstpersönlich die Gutenachtgeschichte erzähle, sonst werde sie nicht ins Bett gehen, nie und nimmermehr.

Der Kanzler hört durchs Telephon sein Kind weinen, der Kanzler weiß, was er zu tun hat. 50 Minuten bis Wuppertal! Er eilt ins Kaminzimmer, um sich bei seinem hohen Gast zu entschuldigen. "I’m sorry, Ron." "No problem, John", sagt der Alte und lächelt.

Man stelle sich vor! Nein, man mag es sich gar nicht vorstellen – welche rührenden und welche peinlichen Szenen unserer Republik bevorstünden, wenn Johannes Rau, Familienvater, Kindernarr und Kanzlerkandidat, im nächsten Jahr an die Schalthebel der Macht gelangen sollte.

Klaus Bölling wird in einem Buch demnächst Briefe an einen "lieben H." publizieren (nach unseren wie immer zuverlässigen Recherchen dürfte es sich hierbei um Hans-Dietrich Genscher handeln) – einige scharfe Details, den Kandidaten Rau betreffend, hat der Autor zielsicher in den beginnenden Bundestagswahlkampf hinein vorauspubliziert.

So haben die Bonner Debatten nun endlich, dank Bölling, auch eine gleichsam philosophische Dimension gewonnen. Braucht die Republik einen harten oder einen weichen Herrscher, einen Kanzler aus Stahl oder einen mit Herz?

Ist die Familie denn nicht eine Art Kleinstmodell des Staates? Ist es an vielen Tagen nicht weitaus einfacher, die Republik zu regieren als eine durchschnittliche Kleinfamilie? Und ist Politik (gerade in Bonn) wirklich immer nur Arbeit, Konzentration, Effizienz – oder nicht auch manchmal nerv- und geisttötender Müßiggang? Was ist produktiver und lehrreicher für einen Bundeskanzler – mit seinen Kindern zu spielen, oder einen Abend bei Bier und Korn im Kreise der Kanalarbeiter zu verbringen, oder gar bei Johannes Gross und Chefredakteuren in der "Bonner Runde" zu verweilen?