Von Andreas Kohlschütter

Fast ein Jahrzehnt ist vergangen: Am 9. September 1976 starb Mao Tse-tung. Wer heute China bereist, könnte meinen, Mao sei schon seit hundert Jahren tot. So peinlich still ist es um den großen „Vorsitzenden und Steuermann“ geworden. So sehr haben sich Pulsschlag und Marschrichtung dieses Landes verändert, im Zeichen reformkommunistischer Modernisierung und Liberalisierung, jener von Deng Xiaoping angeführten „zweiten Revolution“, die – totaler und umfassender als die Machtergreifung von 1949 – alle chinesischen Lebensbereiche erfaßt und verändert. Einer „titanenhaften Woge des Wandels“ gleich, wie es der amerikanische Botschafter in Peking, Winston Lord, formuliert.

Gewiß, es gibt sie noch, die ungebrochene Mao-Gläubigkeit: „Er brachte die Menschen dazu, die drei Berge des Imperialismus, Feudalismus und Kapitalismus abzuschütteln; er hat das Antlitz Chinas verändert und unser Schicksal in neue Bahnen gelenkt.“ Vor allem auch in der Partei, deren 42 Millionen Mitglieder sich zur Hälfte aus „Kindern der Kulturrevolution“ rekrutieren.

Auf dem Sockel solcher Huldigung also stehen die vielen, übers ganze Land verteilten Monstermonumente, die Mao mit erhobener rechter Grußhand zeigen, unermüdlich nach vorne schreitend – in eine Zukunft, die er längst hinter sich hat. Aber diese Zukunft gehört denen, die – wie der 23jährige Jungkader – über Mao sagen: „Er schläft und soll bloß weiterschlafen.“

Dennoch ist unwahrscheinlich, daß die Chinesen Mao je aus seinem Mausoleum auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking entfernen werden. Eine robuste, schauprozeßartige Säuberung nach sowjetischem Vorbild entspricht nicht ihrem Stil. Mit Mao wird zwar hart und tagtäglich abgerechnet, aber indirekt, nicht frontal. Das dogmatisch-visionäre „Mao Tse-tung-Denken“ wird an den Stromkreis des pragmatischen Reformkommunismus mit seiner „aus Fakten abgeleiteten Wahrheit“ angeschlossen und damit zur Revision freigegeben. Also Entmaoisierung mit Mao. Seine Nachfolger stellen ihn auf den Kopf, ohne sich von ihm zu trennen. Es ist ein bruchloser Bruch, man wahrt kommunistische Machterhaltungstriebe, urchinesische Harmoniebedürfnisse und das Gesicht.

Ebenso unwahrscheinlich ist bis auf weiteres eine dramatische Abkehr Chinas vom Marxismus. Man bekennt sich zu seinen „grundlegenden Prinzipien“, auch wenn er der Deng-Xiaoping-Equipe an Grundsätzlichem wenig zu bieten hat. Denn in China geht es heute statt um Revolutionierung des Kapitalismus um den Aufbau eines Wachstums- und Wohlstandssozialismus. Und darüber schweigt sich der ahnungslose Marx aus. Die Parole heißt daher: den Marxismus „schöpferisch weiterentwickeln“, auch durch kapitalistische Weisheit und Methoden, durch Überbordwerfen all dessen, was sich „in der Praxis als veraltet“ erweist. Dabei werden Dinge von Deck gespült, die gestern noch „grundlegende Prinzipien“ waren, wie das kategorische Nein zu Warenwirtschaft, Marktlenkung und Privatunternehmertum. Weg von Karl Marx und dem Diktat seiner heiligen Bücher, hin zum „lebendigen“, das heißt gefügigen Marxismus made in China – das ist der neue Trend.

Die Plötzlichkeit, mit der bisherige „Wahrheiten“, Werte, Ziele, Verhaltensweisen zum Abfall gehören, wirkt erfrischend, aber auch beängstigend. Was hat Bestand in einem China, dessen Volksmassen sich mit solcher Leichtigkeit und bedenkenlosen Flexibilität, immer auf Befehl von oben und abrupt dem puren Gegenteil von gestern zuwenden? Die immer jauchzen, jubeln, Beifall klatschen für den jeweiligen Pekinger Machthaber?