Unglücklich das Land, das keine Helden hat!“ Der berühmte Satz des Andrea Sarti, gesprochen nach dem Widerruf Galileis in Bertolt Brechts Drama, hat durch einen Ausspruch des Bundesinnenministers Friedrich Zimmermann Aktualität gewonnen. Ganz offenkundig von der Sorge gequält, die Bundesrepublik könne in der Stunde bedrohter Sicherheit heroenlos ihrem Phäakenschlaf frönen, begab sich Z. in ein ihm aufgrund von Lebens- und Amtserfahrung vertrautes Milieu – und wurde fündig.

Unser Staat: ein Land ohne Helden? Nicht für den Minister. Mögen die Zeiten eines Jung-Siegfried und Fridericus Rex („Wir kommen, unser Siegesgott, Held Friedrich, ist voran!“) und die Epochen der knorrigen Recken und deren tapfere Mannschaft („von Leipzig aus manch frischer Held auch da erschien im Feld“) zum Kummer der Nationalkonservativen vorbei sein: für Ersatz, für höchst überraschende Stellvertretung ist gleichwohl gesorgt.

Auch unsere Zeit, will man Friedrich Zimmermann glauben, kann von heleden lobebaeren singen. V-Leute haben den Platz eingenommen, der einst den „durch Kampfgewandtheit und Tapferkeit hervorragenden Kriegern“ (so das Grimmsche Wörterbuch) zukam. „Das sind Helden“, rief der Minister vom Bildschirm aus mit erhobener Stimme, und wer ihm zuschaute, hatte tags drauf Gelegenheit, Namen und Taten der Zimmermannschen Heroen zu memorieren. Klaus Loudil stahl als Soldat einen Leopard-Panzer, überrollte, vom Alkohol berauscht, einen Personenwagen und tötete dessen Insassen. Loudil, ausgezeichnet vor Celle. Loudil, ein Held. Oder, ein Held auch er, bewährt in der Bomben-Bataille von Celle wie Kamerad Loudil, Komplize Manfred Berger, Autoknacker und Wiederholungstäter – ein Ganove, der mit dem Staat ins Geschäft kam, nachdem er einen am Boden liegenden Polizisten in den Rücken geschossen hatte.

Deutschland, deine Helden: Den Betrachter am Bildschirm erfaßte Entsetzen, nachdem er die Heroisierung von schweren Jungs und kleinen Ganoven, von Gewaltverbrechern und cleveren Abenteurern mit angehört hatte. V-Leute als Helden: so mies, verkommen und zynisch kann, ohne daß sich Parteifreunde des Heroenmachers aus Bayern empören, argumentiert werden in unserem Land? So weit hätten wir’s, mit den Gewalttätern konkurrierend, gebracht, daß der Bundesminister des Inneren sich nicht scheut, vor den Kameras den Heldenklau im kriminellen Milieu darzustellen?

Und da hat der Generalbundesanwalt die Stirn – unter solchen Aspekten! –, ausgerechnet „Kirchenmänner, Philosophen und Intellektuelle“ aufzufordern, sich in Fragen des Terrors distanzierter als bisher zu äußern. (Eine kuriose Vereinigung, am Rande vermerkt, diese Rebmannsche Schar: Pfarrer und Philosophen offenbar nicht zu den Intellektuellen gehörig.)

Ein makabres Spektakel. Was am Abend nach dem Mord von Straßlach begann, die eingestandene Komplizenschaft mit der „guten“, ja, von Heldenmut zeugenden Gewalt, setzte sich nach der Bluttat von Nicaragua fort. Keiner war da, im Lager der geistig-moralischen Erneuerer zwischen Schleswig-Holstein und Bayern, der, couragiert und bedachtsam, erklärt hätte, was es bedeutet, mit einer Administration im Bunde zu sein, die Mordkommandos, sogenannte Contras, ausbildet, von denen ausgewählte Killer unter anderem auf bundesrepublikanische Bürger angesetzt werden.

Zum zweiten Mal das pervertierte Heldenbild mit seiner Konsequenz: Nicht der Kriminelle, sondern dessen Opfer ist anzuprangern. Sei umarmt, V-Mann; Respekt, wackerer Contra, der du der Welt beweist, daß umkommt, wer sich in Gefahr begibt. Wenn sie doch wenigstens, statt schwarz in weiß zu verwandeln, die Schuldfrage beiseite gelassen hätten, die Heldenmacher auf Seiten der Rechten! Wenn sie still geblieben wären und, statt der dreist-gewalttätigen Rede (und den Pilatus-Schwüren eines Vertreters der Söldner), zumindest in den öffentlich-rechtlichen Anstalten ein würdiges, von Ernst, Behutsamkeit und Problembewußtsein bestimmtes Lebensbild jenes Entwicklungshelfers Koberstein die Nachrichten eröffnet hätte, dessen Vorname an den Tagen darauf mit Bernhard, Bernd oder Berndt angegeben wurde.