Noch hat Johannes Rau seine Partei nicht hinter sich versammelt

Von Dieter Buhl

Wir kennen das Ritual inzwischen zur Genüge. Politische Schattenspiele und Profilierungsakte gehören zur Ferienzeit wie Verkehrsstaus und überhöhte Preise. Eine Agenda mit vielen weißen Flecken verhilft Politikern aus dem zweiten oder dritten Glied zu ungewohnter Aufmerksamkeit; Besserwisser, Übereifrige und Zyniker nutzen die Atempause der großen Politik, um sich Gehör zu verschaffen; politische Ereignisse, ob wichtig oder nicht, werden in den nachrichtenarmen Urlaubsmonaten jeweils mit größeren Schlagzeilen bedacht, als sie gemeinhin verdienten – Sommertheater. Die spöttische Umschreibung entspricht der Resonanz im Publikum. Die Zuschauer verfolgen die diversen Inszenierungen der Parteien eher mit Langeweile als mit Lust.

Dennoch wird auf der politischen Sommerbühne nicht nur l’art pour l’art geboten. Schon manches Mal entpuppten sich die Aufgeregtheiten während der heißen Jahreszeit als eiskaltes Kalkül weitsichtiger Strategen. Das haben beispielsweise die Sozialdemokraten 1982 erfahren müssen, als für sie das sommerliche Geplänkel zwischen den sozial-liberalen Koalitionspartnern in den Herbst des Machtverlustes mündete. Auch die derzeitigen Schimpfduelle im Regierungslager, ob um den künftigen Außenminister oder das Asylrecht, könnten Spuren hinterlassen. Irgendwie wird sich der Stimmaufwand schon lohnen, werden sich die (vornehmlich bayrischen) Wortführer beim Koalitionsklamauk sagen; sei es in Form von mehr Wählerstimmen oder von günstigeren Startbedingungen bei den Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl.

Zu frühzeitiger Wappnung für den Verteilungskampf um die Regierungsmacht nach der Januar-Entscheidung können sich die Regierungsparteien auf jeden Fall ermuntert fühlen. Nicht nur die Meinungsumfragen, vor allem der Zustand der SPD verheißen der Kohl-Regierung blendende Wahlaussichten. Mögen auch die Regierenden im Sommertheater keine gute Figur abgeben, die Konkurrenz stellt sich um einiges miserabler dar. Die SPD erlebt einen Sommer des Mißvergnügens, der ihr Böses für den Winter verspricht. Der Katzenjammer, den viele bald nach der Bonner Wende erwartet hatten, der aber durch Helmut Kohls Pannen und durch erstaunliche Wahlerfolge der Opposition in Ländern und Gemeinden immer wieder verdrängt wurde, hat nun die Sozialdemokratie voll erfaßt.

Im Stimmungstief

Es gibt Gründe genug für das sozialdemokratische Stimmungstief. So haben die vielgerühmten "Enkel" nicht das gehalten-, was sich manche Genossen von ihnen versprochen hatten. Die Hoffnungen auf den forschen Gerhard Schröder blieben in Niedersachsen trotz des politischen fallouts von Tschernobyl unerfüllt. Oskar Lafontaine und sein Umweltheiliger Jo Lernen (nebst der Schar ihrer Gläubigen) mußten nach dem Fischsterben in der Saar erleben, daß Gesinnung allein noch keine sauberen Flüsse garantiert. Selbst ein etablierter Hoffnungsträger wie Klaus von Dohnanyi bereitet seiner Partei Kummer. Die fünfzehnstündige Einkesselung von Demonstranten wie die Amok-Aktion eines Berufsmörders im Polizeipräsidium bestärkten viele Hamburger Wähler in ihrem Mißbehagen an der Senatspolitik. Nun kann die SPD nur darauf setzen, daß die schnelle Senatsumbildung nach den Skandalen dem Ersten Bürgermeister den ungewohnten Nimbus der Entschlossenheit verleiht, der bei der Bürgerschaftswahl Anfang November vielleicht rettend zu Buche schlägt.