Von Susanne Mayer

Die Wirklichkeit ist ein Klischee. Knie an Knie drückt sich die Nadelstreifenriege auf dem Plüsch des Vorstadtzugs, und über dem dezenten Grau, dem Blau, dem Schwarz, dem Blauschwarz, über allem die eine große Zeitung: The Times. Daneben: The Times. Und wieder: The Times. O Britannia, ist das denn zu glauben?

Nein. Offensichtlich nein. „Niemand“, schwört eine junge Rechtsanwältin, „liest heute noch die Times.“ „Die Times ist fürchterlich schlecht geworden“, klagt eine Unternehmensberaterin, die die Times schon in Oxford gelesen hat. „Früher“, sagt ein liberaler Politiker, „haben wir uns beim Lunch über die Times unterhalten.“ Und heute? „Heute redet niemand mehr über die Times.“

Tatsache ist, alle reden über die Times. Und noch nie wurde sie von so vielen gelesen – auf über eine halbe Million ist die Auflage der Zeitung geschnellt, die in den vergangenen Jahren schon oft zu Grabe getragen wurde. Und dennoch sei es zur Zeit geradezu chic in London, sich über die Times zu beschweren, meint mit tapfer-tragischem Lächeln ein Redakteur des ehrwürdigen Blattes, dessen 200jährige Geschichte im letzten Jahr gefeiert wurde, das sich in diesen beiden Jahrhunderten einen unvergleichlichen Ruhm erworben hat, das einst Regierungen stürzte und Reformen durchsetzte, das auf der ganzen Welt der Inbegriff der Zeitung war. Der Stolz der Briten.

Nichts, schwärmen sie noch heute, war Nachricht, bis es nicht in der Times stand. Niemand war tot, bis er nicht in den Nachrufspalten der Times beerdigt worden war. „Nichts“, sagte Mark Twain einmal, „ist stärker als die Times, außer dem Mississippi vielleicht.“ Wo ist der Ruhm? Dahingeflossen?

Wer kann schon sagen, wann genau ein Mythos zu zerrinnen beginnt. Könnte es nicht schon 1841 gewesen sein, als zum Entsetzen der britischen Welt der Chefredakteur Thomas Barnes im Amte verschied? 1888 vielleicht, als Jack the Ripper die Politik aus den Leitartikeln verdrängte? 1914, als das erste Photo frivol in der Bleiwüste auftauchte oder 1966, als die Kleinanzeigen, liebster Lesestoff der upper dass, von der Seite 1 verschwanden? Könnte es in jenen schlimmen siebziger Jahren gewesen sein, in denen die Times von der Konkurrenz bedroht, von Streiks geschüttelt war, in denen weniger ihr Ruhm denn ihre Agonie ein Thema war?