Der Reformer Michail Gorbatschow muß die Blockade des Parteiapparates Überwinden

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im August

Sieben Tage lang ist Michail Gorbatschow jüngst durch den Fernen Osten der Sowjetunion gereist. Demonstrativ öffnete er die Fenster nach Asien – aber noch rigoroser ließ er vom Rande des Imperiums Zugluft ins eigene Haus. Kein Zar und kein Parteichef vor ihm haben die Bevölkerung jemals so direkt befragt und umworben. Eine Woche lang zeigte das Fernsehen allabendlich den leutseligen Landesvater mit Leibwächtern in Dauerregen und permanentem Redefluß. Gruppenbilder mit Charme, Schirm und Raissa, mit Pionieren und Pensionären, mit Kittel und weißer Haube: Ein besorgter Arzt am Puls des Volkes, der die Patienten um Mithilfe bei der mühseligen Therapie bittet.

Die Mithilfe wurde Gorbatschow immer wieder versprochen, oft noch devot wie eh und je. Dazwischen aber unterbrachen feste Stimmen oder auch schrille Rufe seinen Wortschwall. Ältere Frauen, ein hartnäckiger Komsomolze, skeptische Arbeiter klagten, fragten kritisch, hakten nach. Kinderkleidung und Wintersachen vermißten sie, Möbel und Baumaterialien, vor allem und überall: Wohnraum. Gorbatschow reagierte nicht glatt und dialektisch, sondern spontan und schwankend: mal verlegen und nachdenklich, mal platt didaktisch. "Muß man denn unbedingt trinken?" wies er eine Klage über die Schlangen an den Weinhandlungen zurück. "Nicht darum geht es", kam die Gegenantwort, "man hätte die Sache anders anpacken sollen. Die Menschen müssen ja endlos anstehen." Darauf der Generalsekretär belehrend: "So stehen Sie doch nicht an. Warum müssen Sie sich denn quälen?" Dann wieder ließ er vorsichtig den gefährlichen Überdruck ab, den seine kompromißlose Kampagne gegen Korruption erzeugt hat. "Tomaten kosten jetzt fünf Rubel! Wann wird den Spekulanten das Handwerk gelegt?" hatten sich die Gemüter erhitzt. "Nicht alle sind Spekulanten", wiegelte der um Versorgung und Privatinitiative bekümmerte Generalsekretär ab.

Gorbatschows Werbefeldzug hat vor allem gezeigt, daß er die Entfernung zwischen Volk und Führung als bedrückend und bedrohlich für seine Reformpläne empfindet. Der Kurs der Modernisierung hat am alten Abstand bisher kaum etwas geändert. Der Schwung, den der Parteichef und seine Verbündeten entfalten möchten, überträgt sich nicht. Das System stößt die Reformen an vielen Stellen ab. Die Bürokratie blockiert. Die Sowjetbürger sind Opfer dieser Bürokratie – aber gleichzeitig gehören sie auch zu ihrem Räderwerk. Daran will der Parteichef jetzt drehen. Die Bevölkerung soll mehr Freilauf erhalten und mit ihrem eigenen Schwung, so die vage Hoffnung, die Gegenkräfte des Apparats überwinden helfen.

Faßt Gorbatschow damit schon – weil die Modernisierung nicht greift – eine Modifizierung des Systems vorsichtig ins Auge? Jedenfalls ist der Parteichef auf seiner Reise zu Chruschtschows populistischer Devise vom Vertrauen in die Massen zurückgekehrt, die Chruschtschows Nachfolger durch das Vertrauen in die Kader ersetzt hatten. Originalton Gorbatschow: "Das Volk wird sich nicht verirren. Bevor man jemanden auf einen Posten befördert, wäre es gut, sich zu beraten, dazu das Volk zu versammeln. Man braucht daraus keine Geheimnisse zu machen." Doch während Chruschtschow einst mit pompösen Versprechungen warb und paradiesischen Wohlstand verhieß, macht Gorbatschow gleichzeitig reinen Tisch: Es gibt nichts zu verteilen, so seine Botschaft, solange nicht härter gearbeitet wird.