Helmut Kohl ist in guter Stimmung. Mit dem Wetter an seinem traditionellen Urlaubsort in St. Gilgen am Wolfgangsee hat er bisher „unheimliches Glück“ (Kohl) gehabt. Es gab nur einen Regentag. Zu Hause signalisiert die Demoskopie einen Wahlerfolg der Koalition im kommenden Jahr, während das Bölling-Buch – das der Kanzler nicht kommentiert – dem Konkurrenten Rau zusätzlich zu schaffen macht. Wenn es die stark reduzierten Regierungsgeschäfte zulassen, wandert Helmut Kohl in den Bergen oder rund um den See. An manchen Tagen bis zu 30 Kilometer. Gelegentlich schwimmt er die 1700 Meter zu dem in einer Bucht liegenden Haus des früheren österreichischen Außenministers Gruber, um dort Kaffee zu trinken. An Abenden fährt er gelegentlich mit Frau Hannelore ins nahe Salzburg – am Donnerstag waren beide Gäste bei einem Menuhin-Konzert. Ansonsten ist der Kanzler auch „Hausmann“: Er spült das Geschirr, putzt Schuhe und kauft auf dem Markt ein. Für den Kanzler beginnt der Tag regelmäßig mit einem fernmündlichen Pressevortrag von Ministerialdirektor Eduard Ackermann aus dem Kanzleramt. Außerdem gibt es eine Telekopier-Standleitung zwischen Bonn und St. Gilgen. Die „Anlaufstelle“ für dienstliche Dinge ist dort zunächst der Diplomat Walter Neuer, zuständig für die außenpolitischen Kontakte des Kanzlers.

Vorspann zu einem „Welt“-Interview mit Bundeskanzler Helmut Kohl, 9. August 1986

Godard verhandelt mit Nixon

Jean-Luc Godard ist heute wahrscheinlich der einzige wirkliche subversive Regisseur. Listenreich, unberechenbar, chamäleonhaft schlägt er sich im Filmgeschäft durch, und die Cineasten, die ihn so ernst nehmen, liegen wahrscheinlich genauso falsch wie die Banausen, die sich an seiner Anti-Kunst die Zähne ausbeißen. Der Schein trügt bei Godard jedenfalls immer. Schon witterte die Fan-Gemeinde Verrat, als bekannt wurde, daß der letzte Held des intellektuellen europäischen Autorenkinos einen Vertrag ausgerechnet mit den durch Geschmacklosigkeit bekannt gewordenen Cannon-Produzenten Golan und Globus unterschrieben hatte. Der geplante Film sollte „King Lear“ heißen, und selbst als Godard wissen ließ, er wünsche sich Norman Mailer und Woody Allen als Hauptdarsteller, schien niemand zu merken, daß Godard dabei war, schon wieder eine seiner typischen Verrücktheiten auszuhecken. Die Dreharbeiten sind für November vorgesehen. Und jetzt hat Godard die Katze aus dem Sack gelassen: Als dritten Hauptdarsteller wünscht er sich nämlich – Richard Nixon. Der soll, als „Tricky Dick“, in Interviewpassagen Norman Mailer Rede und Antwort stehen zum Thema: Wie fühlt man sich als Mächtiger und als jemand, der die Macht verloren hat. Ob Nixon mitmacht? Sein Büro sagt der Presse: „Kein Kommentar.“ Godards Produzenten: „Es wird verhandelt.“ Für den Fall einer Absage hat Godard bereits einen „ähnlich potenten Schauspieler“ ins Auge gefaßt: Expräsident Ferdinand Marcos. Derweil schreibt Mailer am Drehbuch – zur Erinnerung: der Film heißt „King Lear“.

Intendantenpoesie

Frank Baumbauer ist ein braver Mann – so jedenfalls dachte man in Bayerns CSU, als man dem Braven vor drei Jahren zur allgemeinen Überraschung das trotz allem renommierte Münchner Residenztheater anvertraute – wo Baumbauer bis dahin eher unauffällig dem ebenfalls überdurchschnittlich braven Staatsintendanten Kurt Meisel stellvertretend zur Seite gestanden hatte. Baumbauer also wurde Theaterleiter (und Andere, Berühmtere, wurden verprellt) – und ist es drei Jahre lang geblieben und ist immer noch ein braver Mann. Die Bayerische Staatsregierung allerdings sieht es mittlerweile etwas anders – weil Baumbauer die Keckheit hatte, Bayern auf dem Bayerischen Staatsschauspiel nicht nur vom Brandner Kaspar, sondern auch von so zügellosen Gesellen wie Achternbusch (Herbert) und Bierbichler (Josef) vertreten zu lassen, fand seine Tätigkeit ein Ende, bevor sie so richtig beginnen konnte.

Nun steht Frank Baumbauer in der Rolle des politisch Verfolgten und Verjagten da – ein braver Mann, noch immer, aber die frischen Wunden des Märtyrers geben ihm nun doch etwas Farbe. Alle denken jetzt besser über Baumbauer als noch vor kurzem – er selber macht da keine Ausnahme. Denn bevor er nun für zwei Jahre als Ivan Nagels Stellvertreter nach Stuttgart geht, von wo er 1988 als Intendant nach Basel wechselt, gab er der Süddeutschen Zeitung ein Abschieds-Interview, mit dessen Großmäuligkeit er zu den besten Vertretern seines Faches aufschloß: „Ich sprach vorher von meinen dramaturgischen Defiziten: Ich habe große Hochachtung vor Ivan Nagel, Hochachtung eben auch vor dem Dramaturgen Nagel. Ich glaube, daß ich ein Theater leiten kann, daß in dieser Funktion die Stuttgarter mich brauchen können, weil das nicht die Stärke Nagels ist. Ich glaube, daß wir uns ganz gut ergänzen.“

Ivan Nagel (Intendant immerhin am Hamburger Schauspielhaus von 1971 bis 1979) wird mit freudigem Erröten gelesen haben, daß ihm nun endlich mal einer die Sache mit der Theaterleitung von Grund auf beibringt. Und auch für den leitenden Stellvertreter Baumbauer wird das kurze Gastspiel in Stuttgart eine einzige beglückende Lehrzeit werden. 1988, wenn Ivan Nagel dann endlich weiß, wie man ein Theater leitet (und Frank Baumbauer, wie man Stücke liest), wird die Theaterwelt kopfstehen. Nicht mehr in den Jets nach Berlin, Wien oder Hamburg wird man die führenden Reisekritiker der Nation sitzen sehen, sondern auf den verschwitzten Polstern des Eilzugs Stuttgart-Basel (und zurück).