Einen kosmischen Fall von optischer Täuschung glaubten amerikanische Astronomen auf der Spur zu sein. Zwei am Himmel sichtbare, eng benachbarte Punkte sollten in Wahrheit Bilder nur eines Objektes sein, erzeugt durch eine superstarke "Gravitationslinse", eine von galaktischen Schwerefeldern hervorgerufene Lichtablenkung.

Daß nicht nur Massen, sondern auch Lichtstrahlen dem Einfluß der Gravitation unterliegen, hatte Albert Einstein schon vor 70 Jahren vermutet. Danach verläuft ein Lichtstrahl im Schwerefeld eines Himmelskörpers nicht gradlinig; er wird aus seiner Richtung abgelenkt. Bestätigt hatte diese These der Allgemeinen Relativitätstheorie der englische Astronom A.S. Eddington. Er nutzte im Jahre 1919 die totale Sonnenfinsternis aus, um die Positionen von Sternen in unmittelbarer Nachbarschaft der vom Mond verdunkelten Sonnenscheibe zu vermessen. Tatsächlich hatte sich ihre sichtbare Stellung am Himmel just so verändert, wie es Einstein vorhergesagt hatte.

Ein Jahr später entdeckte Eddington das Prinzip der Gravitationslinse. In seinem Buch "Raum, Zeit und Gravitation" zeigt er, daß zwei von einer fernen Strahlungsquelle ausgehende Lichtstrahlen, die auf entgegengesetzten Seiten an einem Stern vorübergehen, beide den Beobachter erreichen können. Der Beobachter sieht also zwei Bilder ein und derselben Quelle!

Leider ist der bei Sternen auftretende Ablenkwinkel extrem klein. Weitaus bessere Gravitationslinsen sind die Galaxien, Systeme ähnlich unserer Milchstraße von bis zu 100 Milliarden Sternen. Bei ihnen kann die Ablenkung des Lichts mehrere Bogensekunden betragen (1 Bogensekunde = 1/3600 Grad). Das erscheint zwar immer noch gering, ist mit astronomischen Instrumenten aber leicht auflösbar.

Anfang der sechziger Jahre wurden rätselhafte Objekte entdeckt, die wie Sterne aussehen, jedoch die Leuchtkraft ganzer Sternsysteme besitzen. In den Spektren dieser "Quasare" stießen die Astrophysiker auf eine starke Rotverschiebung des Lichts. Sie weist darauf hin, daß sich die Objekte offenbar mit großen Geschwindigkeiten von uns entfernen, was nach der Theorie der Kosmologen mit einer sehr großen Entfernung gleichbedeutend ist. Die außergewöhnliche Rotverschiebung zeigt, daß die Quasare von allen bekannten Himmelsobjekten die am weitesten entfernten sind. Den Rekord hält ein Quasar, dessen Licht zwölf Milliarden Jahre braucht, ehe es bei uns ankommt. Wegen ihrer großen Entfernung und ihrer enormen Leuchtkraft, sind die Quasare die idealen Strahlungsquellen für den Gravitationslinseneffekt an Galaxien.

Am 29. März 1979 richteten D. Walsh, R. F. Carswell und R. J. Weymann bei einer Routineuntersuchung das Teleskop der Sternwarte Kitt Peak auf das Objekt 0957+561. Bislang war es nur als Quelle einer Radiostrahlung bekannt. Jetzt sollte es optisch geortet werden. Doch an der Stelle des Radio-Strahles 0957+561 stand nicht ein einziges Objekt, sondern ein Objektpaar, dicht beieinander, zwei blaue, sternartige Punkte, die als Kandidaten in Frage kamen.

Walsh, Carswell und Weymann untersuchten die Spektren der beiden Objekte und fanden, zu ihrer Überraschung, daß es sich bei beiden um Quasare handelt. Mehr noch: Beide Spektren waren vollkommen identisch. Beide Quasare müssen also gleich weit von uns entfernt sein.